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Besessene Biotechnologen und der schwäbische Mittelstand

Die BioRegio STERN Management GmbH unterstützt seit zehn Jahren Gründer, Unternehmer und Forscher. Aus Anlass dieses Jubiläums lud das Wirtschaftförderungsunternehmen in das Bioproduktionslabor auf dem Gelände der Stuttgarter Fraunhofer-Institute ein. Ein Ergebnis der Diskussion: Die anstehende Verknüpfung von Life-Sciences mit dem ingenieurgetriebenen Mittelstand aus der Automobil- und Maschinenbauindustrie ist auch ein Zeichen für den notwendigen Strukturwandel in der Region.

Oberbürgermeisterin Barbara Bosch und Dr. Klaus Eichenberg beim Rundgang durch die Tissue Fabrik. © BioRegio STERN

Fragen und Antworten und nicht das Jubiläum standen im Mittelpunkt der dreistündigen Veranstaltung mit etwa 100 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Forschung. In einer von SWR-Redakteur Jörg Assenheimer moderierten Runde diskutierten unter anderem der CEO der Curetis AG, Oliver Schacht, Ph.D., aus Tübingen, Dr. Hans-Ernst Maute, Geschäftsführer der Joma-Polytec GmbH aus Bodelshausen, Dr. Dr. Saskia Biskup, Geschäftsführerin der Tübinger CeGaT GmbH und Dr. Jan Stallkamp, Leiter der Abteilung Produktions- und Prozessautomatisierung am Stuttgarter Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA, über die Zukunft der Biotechnologie.

Für Gastgeber und BioRegio STERN-Geschäftsführer Dr. Klaus Eichenberg liegt die weitere Entwicklung auf der Hand: „Die Branche muss jetzt den Schritt von der Forschung in die Produktion machen, sie muss von der Manufaktur zur Automation kommen.“ Noch würden in den zahlreichen kleinen Start-ups die meisten Prozesse von Hand durchgeführt. „Wenn jedoch Zellprodukte in die allgemeine Gesundheitsversorgung eingebracht werden sollen, beispielsweise zellbeschichtete Gefäßprothesen, dann ist der nächste logische Schritt die automatisierte Herstellung dieser Produkte“.

Automatisierung in der Biotechnologie

Die Automatisierung der Biotechnologie ist auch das Thema der neuen Clusterinitiative „Engineering – Life Sciences – Automation“ (ELSA). Sie fördert die Verknüpfung von Life-Sciences mit dem ingenieurgetriebenen Mittelstand aus der Automobil- und Maschinenbauindustrie. Die Anbahnung einer solchen Verbindung ist der BioRegio STERN Management GmbH bei der Curetis AG und der Joma-Polytec GmbH bereits gelungen. Als Ergebnis ihrer Entwicklungspartnerschaft werden sie voraussichtlich schon im kommenden Jahr ein molekulardiagnostisches Minilabor auf den Markt bringen. Dieses wird nur einen Bruchteil der bisher üblichen Zeit benötigen, um bestimmte Krankheitserreger zu identifizieren. „Von bisher vier Tagen wird die Untersuchungszeit auf vier Stunden reduziert, um beispielsweise bei Lungenentzündungen gezielt das richtige Antibiotikum einsetzen zu können“, erklärt Oliver Schacht von der Curetis AG. Dieser Zeitunterschied kann für Patienten mit schweren Infektionen auf der Intensivstation unter Umständen lebensrettend sein.

Herzstück des Minilabors ist eine Kartusche, die im Spritzgussverfahren hergestellt wird. Dafür benötigte das Biotechnologie-Unternehmen das Know-how eines Spezialisten wie der Joma-Polytec GmbH. „Akademische Start-ups und schwäbische Mittelständler zusammenzubringen, ist leichter gesagt als getan“, sagt Joma-Polytec-Geschäftsführer Dr. Maute. „Forscher und Entwickler aus der Biotechnologie sind häufig besessen von ihrer Idee. Und sie kümmern sich tagtäglich nur um dieses eine Produkt, während ihr industrieller Entwicklungspartner zumeist noch das traditionelle ‚Running Business’ stemmen muss.“ Eine Herausforderung für Ingenieure, deren Erfahrungen aus dem Automobilbau stammen, wo Machbarkeit, Wirtschaftlichkeit und Markterfolg nach einer überschaubaren Entwicklungszeit an erster Stelle stehen.

Markterfolg hat Gründerin und Geschäftsführerin Dr. Dr. Saskia Biskup bereits. Denn ihr Biotechnologie-Unternehmen CeGaT verbindet – weltweit einzigartig – die humangenetische Diagnostik und die Hochdurchsatzsequenzierung. Für die Entwicklung von Diagnostik-Panels, die in der Lage sind, sämtliche für eine Krankheit in Betracht kommenden Gene gleichzeitig zu entschlüsseln und auf bestimmte Krankheitsbilder hin zu untersuchen, erhielt das Unternehmen jüngst den Deutschen Gründerpreis. Um den zahlreichen Anfragen gerecht werden zu können, gibt es für Dr. Dr. Biskup nur eine Antwort: „Die Manufaktur muss automatisiert werden, nur so kann zugleich schneller und günstiger diagnostiziert werden.“

Wie kann in den Life-Sciences schneller und günstiger produziert werden?

Wie in den Life-Sciences schneller und günstiger produziert werden kann, erforscht Dr. Jan Stallkamp am IPA. Hier wird im Bioproduktionslabor – in Kooperation mit dem Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB und den Fraunhofer-Instituten für Zelltherapie und Immunologie IZI in Leipzig sowie für Produktionstechnologie IPT in Aachen – menschliche Haut im industriellen Maßstab hergestellt, um Medikamente und Kosmetika ganz ohne Tierversuche zu testen. Dr. Stallkamp ist davon überzeugt, dass „Automatisierung auch ein Erfolgsfaktor für die Forschung werden“ kann. Dr. Maute sieht in dieser Entwicklung eine Chance für die gesamte Wirtschaft: „Interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen ingenieurgetriebenen Industriezweigen und der stark akademisch geprägten forschungsintensiven Biotechnologie bietet viele Chancen. Die BioRegio STERN-Aktivitäten führen vorhandene regionale Potenziale zusammen, liefern neue Ideen und Impulse und tragen so zu einem Strukturwandel in der Region bei – der unbedingt notwendig ist.“

Auch Reutlingens Oberbürgermeisterin und BioRegio STERN-Aufsichtsratsvorsitzende Barbara Bosch nutzte die Gelegenheit, anlässlich des Jubiläums zu betonen: „Die BioRegion steht nach ihrer ersten Dekade vor neuen Herausforderungen, der Titel dieser Veranstaltung, ,Wirtschaft weiterdenken‘ ist nur konsequent.“

Glossar

  • Ein Antibiotikum ist ein Stoffwechselprodukt von Mikroorganismen (Bakterien, Pilze), das in geringen Konzentrationen andere Mikroorganismen in ihrem Wachstum hemmt.
  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Immunologie ist eine Wissenschaft, die sich u. a. mit den Abwehrreaktionen von Mensch und Tier gegen Organismen wie Bakterien, Pilze und Viren, aber auch mit Abwehrreaktionen gegen fremde Zellen und Gewebe bzw. gegen eigene Zellen und Gewebe (Autoimmunreaktionen) beschäftigt.
  • Aufgabe der Life Sciences ist die Erforschung, Entwicklung und Vermarktung von Produkten, Technologien und Dienstleistungen auf Basis der modernen Biotechnologie.
  • Unter Zelltherapie versteht man die Behandlung von Patienten mit lebenden Zellen, um kranke Zellen zu ersetzen oder durch neue, voll funktionsfähige Zellen zu unterstützen.
  • In einem Cluster arbeiten Unternehmen – die auch miteinander in Wettbewerb stehen können – mit weiteren Partnern aus Forschung, Wissenschaft und Verbänden in einem Wirtschaftsraum zielbezogen zusammen, um gemeinsam einen höheren Gesamtnutzen zu erzielen. Die Kombination von inhaltlicher und räumlicher Nähe der verschiedenen Akteure entlang der Wertschöpfungskette eröffnet die Möglichkeit, Innovationsprozesse zu implementieren.
  • Von einer Clusterinitiative wird gesprochen, wenn die in Netzwerken entstandenen innovationsorientierten Kooperationsbeziehungen zunehmend strategisch und systematisch abgestimmt und dokumentiert werden, Lücken gezielt geschlossen und diese Aktivitäten organisatorisch fundiert werden, beispielsweise durch Einbindung in eine Trägerorganisation.
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/pm/besessene-biotechnologen-und-der-schwaebische-mittelstand/