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Branchenreports 2015: Biotech-Branche mit positiven Zukunftsindikatoren

Jedes Jahr erheben das Branchenportal biotechnologie.de (im Auftrag des BMBF), der Beraterkonzern Ernst & Young sowie die Boston Consulting Group (im Auftrag des vfa bio) die Eckdaten der deutschen Biotechnologie-Branche. Dieses Jahr sprechen die Reports keine gemeinsame Sprache - die eine Seite spricht von Umsatzrekord, die andere Seite von positiven Zukunftsindikatoren gepaart mit ansteigenden Verlusten und rückläufigen Unternehmenszahlen. Wie kommt das? Lesen Sie hier mehr zu den führenden Reports der Biotechnologie-Branche.

Einig sind sich die Branchen-Reports: Es besteht dringender Handlungsbedarf für die Zukunft der Branche. Trotz aller positiven Signale für eine stabile Zukunft der Biotech-Branche existiert eine große Sorge um ausreichende finanzielle Mittel aufgrund fehlender Investitionen in deutsche Biotech-Firmen.

Glossar

  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Die Ribonukleinsäure (Abk. RNS oder RNA) ist eine in der Regel einzelsträngige Nukleinsäure, die der DNA sehr ähnlich ist. Sie besteht ebenfalls aus einem Zuckerphosphat-Rückgrat sowie einer Abfolge von vier Basen. Allerdings handelt es sich beim Zuckermolekül um Ribose und anstelle von Thymin enthält die RNA die Base Uracil. Die RNA hat vielfältige Formen und Funktionen; sie dient z. B. als Informationsvorlage bei der Proteinbiosynthese und bildet das Genom von RNA-Viren.
  • Biopharmaka sind Arzneimittel, die mit Hilfe von biologischen Systemen hergestellt werden.
  • kb ist die Abkürzung für Kilobase. Diese Einheit für die Länge von DNA- oder RNA-Molekülen entspricht 1.000 Basen bzw. Basenpaaren der Nukleinsäure.
  • Biosimilars sind Nachahmepräparate von Biopharmazeutika.
  • Messenger-RNA (Abk.: mRNA) ist eine Ribonukleinsäure, die eine Kopie eines kurzen DNA-Stücks darstellt und als Vorlage für die Synthese eines spezifischen Proteins dient.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung

Die Kennzahlen der Biotech-Branche auf einen Blick:

* Firmen in Deutschland: kleine und mittelständische Biotech-Unternehmen, mittelständische und große Arzneimittelhersteller und deutsche Tochtergesellschaften internationaler Pharma- und Biotech-Firmen.

biotechnologie.de: Die Zeichen stehen auf Wachstum

Die jährliche Umfrage von biotechnologie.de wird im Auftrag des BMBF durchgeführt und umfasst alle Unternehmen, die sich in Deutschland mit Biotechnologie beschäftigen. Unterschieden wird zwischen dedizierten Biotechnologie-Unternehmen, die sich hauptsächlich mit Biotechnologie beschäftigen, und Unternehmen, die nur teilweise in der Biotechnologie tätig sind.

Tätigkeitsschwerpunkte der dedizierten Biotech-Unternehmen (nur eine Angabe pro Unternehmen). © biotechnologie.de

„Ob Umsatz, Mitarbeiter oder Finanzierung - in Deutschland stehen die Zeichen auf Wachstum", leitet der Report ein. Die 579 dedizierten Unternehmen (2013: 570), darunter 14 Neugründungen, und 131 biotech-assoziierte Firmen beschäftigten 2014 insgesamt 37.130 Mitarbeiter, ein Plus von 4,9 % im Vergleich zum Vorjahr. Allein in Baden-Württemberg waren 2.770 Mitarbeiter in 92 dedizierten Unternehmen beschäftigt. Immer noch haben die meisten deutschen Biotech-Firmen (85,1 %) weniger als 50 Angestellte, 35 Firmen beschäftigen mehr als 100 Mitarbeiter und neun Firmen sind der KMU-Definition (< als 250 Beschäftigte) entwachsen. Unter den Firmen stellt die rote Biotechnologie für knapp die Hälfte (49,6 %) den Beschäftigungsschwerpunkt dar, wobei sich immer mehr Firmen auf diagnostische Anwendungen spezialisieren. Weitere 26,6 % der Unternehmen bieten Dienstleistungen im Bereich Gesundheit an. Die Zahl der Firmen aus der industriellen und weißen Biotechnologie (57) hat im Vergleich zum Vorjahr kaum zugenommen.Die Innovationsfähigkeit der Branche wird meist anhand der Projekte in der klinischen Pipeline der Therapeutika-Entwicklung beschrieben: Mit 97 Wirkstoffkandidaten im Jahr 2014 ist ein leichter Anstieg zu verzeichnen (2013: 91). Fünf neue Substanzen kamen in Phase I und gleich zwei der 10 neu zugelassenen Medikamente brachte die Ulmer TEVA über die letzte Hürde der klinischen Pipeline.

Umsatzentwicklung und F&E-Ausgaben der dedizierten Biotech-Unternehmen von 2006 bis 2014. Zu den Umsätzen zählen Erlöse aus dem Verkauf von Produkten und Dienstleistungen, sowie Vorab- und Meilensteinzahlungen. © biotechnologie.de

Die Umsätze der dedizierten Biotech-Unternehmen übertrafen 2014 erstmalig die 3-Milliarden-Marke - ein Plus von 5,9 % im Vergleich zum Vorjahr. Die rote Biotechnologie generierte zwei Drittel des Umsatzes. Ebenfalls positiv entwickelten sich die Umsätze der industriellen Biotechnologie, die mit 214 Mio. Euro auch 2014 wieder ein Umsatzplus erwirtschaftete.

Die Finanzierungssituation hat sich verbessert: In deutsche Biotech-Unternehmen wurden rund 445 Mio. Euro investiert - ein Plus von 10,2 % im Vergleich zum Vorjahr, obwohl der Anteil öffentlicher Fördergelder mit 44 Mio. Euro einen neuen Tiefstand erreichte. Das deutliche Plus war einerseits auf zwei Börsengänge und andererseits auf eingeworbene Venture-Capital-Mittel (VC) von rund 172 Mio. Euro zurückzuführen.

Laut biotechnologie.de kamen gleich 5 der 14 Neugründungen aus Baden-Württemberg. Allgemein waren die Neugründungen überwiegend im Bereich der Medizin angesiedelt, aber auch der Automatisierungs-Bereich hat Zuwachs bekommen: Die baden-württembergische Cytena bietet eine neue Zelldrucktechnologie für die personalisierte Medizin, und die Freiburger Ionera Technologies eine automatisierte Einzelmolekül-Analyse im Hochdurchsatz.

„Zum ersten Mal seit 2008 sind auch die Ausgaben für F&E wieder gestiegen (plus 6,2 %)", war die zentrale Botschaft 2014. Die F&E-Aufwendungen 2014 belaufen sich auf 954 Mio. Euro - ein Hinweis, dass die Unternehmen wieder in die Zukunft der Branche investieren aufgrund einer steigenden Nachfrage für biotechnologische Verfahren, Produkte und Dienstleistungen.

Ernst & Young-Report: Das Momentum nutzen

Der Report von EY (Ernst & Young) kommt nur teilweise zu positiven Zahlen für das Jahr 2014. Die Datenbasis für den EY-Report wird für einen globalen Vergleich der Branche herangezogen, weshalb zum Beispiel deutsche Ableger ausländischer Firmen im Deutschen Biotechnologie-Report 2015 nicht berücksichtigt werden.

Ein Rückgang um 1% wurde sowohl beim Umsatz (auf 1,153 Mrd. Euro) als auch bei der Gesamt-Unternehmenszahl (auf 401) verzeichnet. Diese Zahlen, zusammen mit den um 5 % gestiegenen Verlusten, sollen laut Bericht nur als laute Warnung interpretiert werden, denn ein langfristiger Positiv-Trend wurde ebenfalls attestiert: Die Beschäftigtenzahl stieg trotz stagnierender Unternehmenszahl um 4 % und die F&E-Ausgaben nahmen um 5 % zu. Insgesamt 812 Mio. Euro wurden in F&E investiert. Ein deutliches Signal - die Branche investiert in ihre Zukunft. Hierfür wurde laut Bericht sogar eine geringfügige Zunahme der Schuldenlast in Kauf genommen.

Den Gang an die Börse wagten 2014 gleich zwei deutsche Biotech-Firmen - die ersten Börsengänge seit 2006 - wie zum Beispiel der Heidelberger Immuntherapeutika-Entwickler Affimed, der an die US-Börse NASDAQ ging. Aber das Wiederbeleben der Börse für Biotech-Werte ist noch nicht in Europa angekommen. Laut EY-Report fehlen in Europa genügend erfahrene Biotech-Investoren, was die „absolut vorrangige Aufgabe unterstreicht, mehr zu tun, um Investoren wieder stärker von der Bedeutung und den Chancen in diesem Sektor zu überzeugen".

Kapitalaufnahme deutscher Biotech-Unternehmen. © EY, BioCentury, Capital IQ und VentureSource

Eine chronische Unterfinanzierung begleitet die Branche nun seit Jahren. Mit 336 Mio. Euro konnten nur 3 % mehr Mittel eingeworben werden als im Vorjahr: Hierbei stammten 155 Mio. Euro aus privatem Risikokapital und die Kapitalerhöhung an der Börse umfasste 116 Mio. Euro - beides rückläufig. Nur die zwei Börsengänge gaben hier den Ausschlag für eine positive Gesamtbilanz.

Dabei spielt die Risikokapital-Finanzierung in der Hightech-Branche Biotechnologie eine wichtige Rolle: Die einzige „herausragende Venture-Capital-Runde" mit 55 Mio. Euro konnte sich die Berliner Glycotope sichern, wovon auch der Heidelberger Tochterstandort Glycotope Biotechnology profitieren wird. Mit einigem Abstand folgen die baden-württembergischen Unternehmen Curetis (Diagnostik) und Affimed, wodurch sich die Affimed finanziellen Spielraum vor ihrem Börsengang verschaffte.

Eine weitere Alternative zur Kapitalbeschaffung: Kooperationsverträge. So vereinbarte die Tübinger CureVac, als Technologieplattform, mit dem Pharmaunternehmen Böhringer Ingelheim (BI) einen lukrativen Deal für die Weiterentwicklung eines mRNA-basierten CureVac-Impfstoffs gegen Lungenkrebs, der an BI daraufhin auslizensiert wurde. Aber die Zahl derartiger Allianzen ist weiterhin rückläufig, was laut Report daran liegt, dass immer weniger Unternehmen Güter entwickeln, die das Potenzial für Lizenzverträge haben. Im Bereich Mergers & Acquisitions (M&A) wurden gehäuft deutsch-deutsche Übernahmen (5 aus 12) dokumentiert.

Trotz aller warnenden Worte vermittelt auch dieser Report eine positive Grundstimmung: „Einerseits tendieren die Zahlen, die den tatsächlichen Geschäftsverlauf [...] für Unternehmen und Branche dokumentieren, in die negative Richtung. [...] Andererseits weisen die Kurven bei den mehr in die Zukunft gerichteten Kennzahlen deutlich ins Positive." Der Aufruf von EY richtet sich auch dieses Jahr vor allem an die Politik: Hier sollen die Weichen für ein besseres Verständnis der Problematik fehlender Investitionen in den Biotech-Sektor und für Lösungen gestellt werden. Zum Beispiel haben sich 2014 wieder mehr Privatkapital-Investoren für die Biotechnologie gefunden. Diese Anleger gilt es laut der Studie weiter zu motivieren in den Hightech-Bereich zu investieren.

vfa bio: Zeit des Wandels im Bereich der Gesundheitsversorgung

Im Report „Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2005 - 2015 - 2025" analysiert die Boston Consulting Group (BCG) im Auftrag des Verband Forschender Arzneimittelhersteller e.V. (vfa bio) die Entwicklungen im Biopharmazeutika-Sektor der letzten und zünftigen zehn Jahre.

Die Kennzahlen der medizinischen Biotechnologie zeichnen auch für 2014 ein positives Bild: Der Umsatz, erwirtschaftet mit Biopharmazeutika, erhöhte sich um 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 7,5 Mrd. Euro; in den 389 deutschen Unternehmen der medizinischen Biotechnologie waren 37.715, meist hoch qualifizierte Mitarbeiter angestellt (+3,7 %); 47 Arzneimittel wurden neu zugelassen, darunter 11 Biopharmazeutika und 3 Biosimilars. Biosimilars sind biotechnologisch erzeugte Nachahmer-Arzneistoffe, die nach Ablauf der Patentzeit eines Originalwirkstoffs zugelassen werden. Sie bieten keine innovative neue Therapieoption, beleben aber den Markt. Außerdem befanden sich 604 biopharmazeutische Wirkstoffkandidaten (+3 %) in der klinischen Entwicklung, was eine hohe Investitionsbereitschaft belegt.

Der 10-Jahres-Vergleich verdeutlicht die wachsende Bedeutung der Biopharmazeutika für Patienten und Standort. © vfa bio / BCG

„Rückblickend hat sich in den letzten zehn Jahren viel bewegt", meint Dr. Frank Mathias, Vorsitzender des vfa bio, in der Pressekonferenz zur Report-Veröffentlichung.

Heute nimmt Deutschland in Europa die führende Position bei der Produktion von in der EU zugelassenen Biopharmazeutika ein. Seit 2005 konnte eine kontinuierlich steigende Beschäftigtenzahl verzeichnet werden, die klinische Pipeline bietet die doppelte Anzahl an Wirkstoffkandidaten, und der Umsatz hat sich seither verdreifacht. „Die Patienten profitieren am meisten", so Mathias.

Doch die heutigen Sorgen sind auch nach einer Dekade die gleichen geblieben: „Uns fehlen in Deutschland Wagniskapital-Geber", so Mathias, und die Gründe dafür scheinen ebenfalls die gleichen: „Ich werde nicht müde zu erwähnen, dass es längst überfällig ist, auch in Deutschland eine steuerliche Forschungsförderung einzuführen und die steuerlichen Rahmenbedingungen für kleine, forschungsintensive Unternehmen und Wagniskapitalfirmen zu verbessern."

Der Report blickt nicht nur zurück, sondern wagt auch einen Blick in die Zukunft und prophezeit einen Wandel in der Gesundheitsversorgung. Heute bilden die Kosten eines Medikaments die Messlatte; morgen soll das der Nutzen eines Wirkstoffes sein. Um diesen zu erfassen, sieht der Report innovative Technologien wie zum Beispiel digitale Ansätze als wichtigen Bestandteil der modernen personalisierten Patientenversorgung.

Quellen:

Die deutsche Biotechnologie-Branche 2015; biotechnologie.de, 2015

Deutscher Biotechnologie-Report 2015; Ernst & Young GmbH, 2015

Medizinische Biotechnologie in Deutschland 2005 - 2015 - 2025; The Boston Consulting Group GmbH, 2015

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/branchenreports-2015/