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Chefsache Start-up? Gründungen aus Professorensicht

Forschergeist und Unternehmertum schließen sich keineswegs aus. Zahlreiche erfolgreiche Hochschul-Ausgründungen in den Lebenswissenschaften beweisen das inzwischen. Aber der Weg von der guten Idee bis zur kommerziell erfolgreichen Firma kann lang und hart sein. Gut dran ist, wer von Anfang an vom Chef unterstützt wird. Prof. Dr. Hans-Georg Rammensee erzählt von seinen Erfahrungen aus Professorensicht.

Prof. Dr. Hans-Georg Rammensee leitet seit 1996 die Abteilung Immunologie an der Universität Tübingen und hat in dieser Zeit drei erfolgreiche Ausgründungen begleitet. © Universität Tübingen

Forschungsabteilungen sind eigentlich wie geschaffen als Keimzelle für Unternehmen, denn hier sind Innovationen Programm. Nicht jeder Heureka-Moment führt jedoch zu einem kommerziell verwertbaren Produkt beziehungsweise Verfahren oder gar zur Firmengründung der Urheber. Neben vielen anderen Faktoren spielt auch die Motivation aus dem Umfeld eine große Rolle. Und hier kann der Chef, sprich Professor oder Forschungsleiter, erheblichen Einfluss nehmen. Offene Ohren für Gründungsideen sind grundsätzlich schon mal viel wert. Das weiß auch Prof. Dr. Hans-Georg Rammensee vom Interfakultären Institut für Zellbiologie IFIZ an der Universität Tübingen.

Er hat mit CureVac, Immatics Biotechnologies und SYNIMMUNE bereits drei erfolgreiche Unternehmensgründungen aus seiner Abteilung begleitet. Damit hat er ungewöhnlich viel Erfahrung bei der Start-up-Unterstützung. Ein Erfolgsrezept gäbe es jedoch leider nicht, sagt der Immunologe, und lernen könne man das schon gar nicht. Aber einen wichtigen Faktor nennt er doch: „Man muss den jungen Forschern den Freiraum geben, sich auch tatsächlich in Richtung Unternehmensgründung zu entwickeln, wenn diese das wollen.“ Dazu gehört für ihn auch, sich fachlich ernsthaft mit dem Ansinnen der Mitarbeiter auseinanderzusetzen. „Ich halte es für wichtig, positiv an die Sache heranzugehen, selbst wenn ich zunächst einmal denken sollte, das ist eine komische Idee“, sagt Rammensee. Fördern, unterstützen und kritisch begleiten ist seine Leitlinie. „Innovationsgeist kann man nicht induzieren, aber aktiv unterstützen“, ist er überzeugt.

Keine Patentrezepte für die Gründungsförderung

Ein Grund für die hohe Start-up-Quote seiner Abteilung mag auch sein Gespür bei der Auswahl von Mitarbeitern sein. „Mir ist es wichtig, dass sie begeisterungsfähig sind“, betont er. Die Hintergründe der drei Ausgründungen könnten jedoch unterschiedlicher nicht sein. Bei Immatics habe sich das Start-up einfach ergeben, sagt Rammensee. „Wir haben bereits in den 90ern Moleküle, Hitzeschockproteine zum Beispiel, aufgereinigt und an andere Forschungsgruppen weitergegeben. Als Wissenschaftler ist man genau dazu schließlich auch verpflichtet. Es haben dann immer mehr Gruppen angefragt, ob wir ihnen Material schicken können, und das wurde dann ziemlich aufwendig. Schließlich entstand die Idee, ein Geschäftsmodell daraus zu machen.“ Unterstützt von der Universität und vom Förderprogramm Junge Innovatoren des Landes Baden-Württemberg kam es dann zur Unternehmensgründung. „Doktoranden und Postdocs aus unserer Abteilung haben das umgesetzt und die Geschäftsidee schließlich umgewidmet zur Entwicklung von Krebs-Immuntherapien auf der Basis von Tumor-assoziierten Peptiden.“

Bei CureVac wiederum lag der Fall etwas anders, sagt Rammensee. „Die Initiative ging ganz klar von einem sehr talentierten und ehrgeizigen Doktoranden aus. Er hat sich die Ausgründung bewusst vorgenommen, nachdem er durch seine Experimente auf die Möglichkeiten stieß, die mRNA als therapeutische Vakzine bieten. Und ich habe ihn bei seinem Vorhaben unterstützt.“ Heute ist CureVac mit der Entwicklung von mRNA-basierten Wirkstoffen so erfolgreich, dass das Unternehmen von großen Investoren wie der dievini Hopp BioTech holding und der Bill & Melinda Gates Foundation unterstützt wird.

Einen ganz anderen Weg nahm das Gründungsteam der SYNIMMUNE GmbH. Hier fing alles an mit einem erfolgreichen GO-Bio-Antrag in der Gründungsoffensive Biotechnologie des BMBF. „Zunächst ging es darum, Forschungsgelder für eine Idee einzuwerben, die dann einer Verwertung zugeführt werden sollte. SYNIMMUNE gäbe es ohne dieses BMBF-Programm sicher nicht, es war ein äußerst wichtiger Impuls“, so Rammensee.

Eine gute Idee aus dem Labor ist das eine. Wenn daraus ein Start-up werden soll, ist Unterstützung vom Chef ein wichtiger Rückhalt. © Lehmann

Über sein eigenes Professoren-Engagement hinaus war in allen drei Fällen auch die Universität bereit, die Gründer zu unterstützen – ein wichtiger Punkt, findet Rammensee. „Die Teams konnten zunächst in den universitätseigenen Räumen und Labors weiterarbeiten, das hat gerade am Anfang sehr geholfen.“ Peu à peu haben sich die Start-ups dann von der Universität abgenabelt, wobei Rammensee ihnen weiterhin als Ratgeber zur Seite stand und dies auch heute noch tut. Er unterstützt alle drei Unternehmen als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, den er bei Immatics sogar leitet. Die Gründer konnten und können also auf seine Erfahrung zählen. Sein persönlicher zeitlicher Aufwand dafür sei minimal, sagt Rammensee. „Die Advisory Boards tagen einmal im Jahr und daneben trifft man sich auf Symposien und Kongressen ohnehin und tauscht sich wissenschaftlich aus. Diese Tätigkeit kann ich also problemlos mit meiner Professur vereinen.“

Patent versus Veröffentlichung – es kommt auf das Management an

Auch in puncto Patente und Veröffentlichung sieht er kein Problem, beides miteinander in Einklang zu bringen. „Man muss junge Forscher natürlich darauf aufmerksam machen, dass veröffentlichte Daten nicht mehr zum Patent angemeldet werden können und dass sie vor der Patenteinreichung nicht auf Tagungen über ihre Daten sprechen sollten.“ Einen Konflikt sieht er dabei jedoch nicht, zumindest nicht, wenn das wie in Tübingen gehandhabt wird. „Für die Patenteinreichung gibt es ein einfaches Formular von der Medizinischen Fakultät, dem man das Manuskript der geplanten Veröffentlichung beilegen muss. Nach kurzer Zeit, im Eilverfahren schon nach etwa zwei Wochen, läuft die Patentanmeldung und die Veröffentlichung kann eingereicht werden.“

Zu Beginn waren alle drei Unternehmen GmbHs, an denen sich Rammensee geringfügig auch finanziell beteiligte. „Ich bin jeweils noch mit dem Bruchteil eines Prozents beteiligt. So wenig das ist, war es für die Unternehmen jedoch zu Beginn durchaus hilfreich. Investoren haben häufig mehr Interesse, wenn ein renommierter Professor beteiligt ist“, so Rammensee. Die finanzielle Förderung durch öffentliche Programme findet er insgesamt recht gut. „Im Prinzip sehe ich hier gute Gründungsbedingungen für Start-ups durch die Landes- und Bundesprogramme. Wünschenswert wäre es allerdings, wenn es mehr Venture Capital gäbe, wenn zum Beispiel das Land einen Investitionspool hätte, um Venture Capital zur Verfügung zu stellen“, so sein Statement.

Glossar

  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Immunologie ist eine Wissenschaft, die sich u. a. mit den Abwehrreaktionen von Mensch und Tier gegen Organismen wie Bakterien, Pilze und Viren, aber auch mit Abwehrreaktionen gegen fremde Zellen und Gewebe bzw. gegen eigene Zellen und Gewebe (Autoimmunreaktionen) beschäftigt.
  • Keimzellen sind die Geschlechtszellen (Eizellen, Spermien) eines Organismus .
  • Die Ribonukleinsäure (Abk. RNS oder RNA) ist eine in der Regel einzelsträngige Nukleinsäure, die der DNA sehr ähnlich ist. Sie besteht ebenfalls aus einem Zuckerphosphat-Rückgrat sowie einer Abfolge von vier Basen. Allerdings handelt es sich beim Zuckermolekül um Ribose und anstelle von Thymin enthält die RNA die Base Uracil. Die RNA hat vielfältige Formen und Funktionen; sie dient z. B. als Informationsvorlage bei der Proteinbiosynthese und bildet das Genom von RNA-Viren.
  • Ein Vakzin ist ein Impfstoff. Dieser besteht aus toten oder abgeschwächten Erregern (oder deren antigenen Determinanten), durch deren Verwendung Immunität gegen diese Pathogene im Körper erzeugt wird.
  • Ein Peptid ist eine organisch-chemische Verbindung, die aus mehreren Aminosäuren (AS) besteht, die miteinander zu einer Kette verbunden wurden. Die Aminosäuren sind über Peptidbindungen miteinander verknüpft. Als Peptide bezeichnet man relativ kurze Aminosäurenketten (20 - 100 Aminosäuren), dagegen bezeichnet man längere Aminosäurenketten (>100) als Proteine.
  • Ein Tumor ist eine Gewebsschwellung durch abnormales Zellwachstum, die gutartig oder bösartig sein kann. Gutartige (benigne) Tumore sind örtlich begrenzt, während Zellen bösartiger (maligner) Tumore abgesiedelt werden können und in andere Gewebe eindringen können, wo sie Tochtergeschwulste (Metastasen) verursachen.
  • Eine Immuntherapie ist eine Behandlungsform von Krankheiten, bei der das Immunsystem einbezogen und ausgenutzt wird. Immuntherapeutische Verfahren werden unter anderem für die Behandlung von Allergien, Krebs, Infektions- und Autoimmunkrankheiten eingesetzt.
  • Die Zytologie oder auch Zellbiologie ist eine Disziplin der Biowissenschaften, in der mit Hilfe mikroskopischer und molekularbiologischer Methoden die Zelle erforscht wird, um biologische Vorgänge auf zellulärer Ebene zu verstehen und aufzuklären.
  • Messenger-RNA (Abk.: mRNA) ist eine Ribonukleinsäure, die eine Kopie eines kurzen DNA-Stücks darstellt und als Vorlage für die Synthese eines spezifischen Proteins dient.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
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