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Eucor – Europäische Universität mit Leben füllen

An einer Universität eingeschrieben sein und die Angebote von fünf Universitäten nutzen, das ist einzigartig im europäischen Forschungsraum. Das Modellprojekt Eucor – The European Campus bietet Studierenden und jungen Wissenschaftlern diese Möglichkeit an den Universitäten im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und der Schweiz – und zugleich einen wissenschaftlich-akademischen Raum ohne Grenzen.

Im Grunde setzt Eucor eine schon lange bestehende Tradition zwischen den Universitäten der Oberrheinregion fort: Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit wurde 1989 ein grenzüberschreitender Zweckverband gegründet, der heute Potenziale und Kompetenzen von über 130 wissenschaftlichen Einrichtungen bündelt. Dank der Einrichtung Eucor können Studierende von Freiburg, Straßburg, Haute Alsace, Karlsruhe und Basel einen Teil des Studiums an den Partneruniversitäten absolvieren. Laut Prof. Dr. Hans-Jochen Schiewer gibt dies „neuen Schwung für die Wissenschaftspolitik und einen erkennbaren europäischen Mehrwert“ für die Region. Ein trinationales Angebot ist für viele der 115.000 Studierenden und 11.000 Doktoranden im European Campus interessant, da Doppel- und Dreifachabschlüsse an verschiedenen Universitäten möglich sind. Die Hochschulen liegen im Umkreis von 200 Kilometern relativ nah beieinander, sodass auch einzelne Veranstaltungen tageweise besucht werden können.

Glossar

  • Eine Base ist ein Bestandteil von Nukleinsäuren. Es gibt vier verschiedene Basen: Adenin, Guanin (Purinabkömmlinge), Cytosin und Thymin bzw. Uracil (Pyrimidinabkömmlinge). In der RNA ersetzt Uracil Thymin.
  • Biotechnologie ist die Lehre aller Verfahren, die lebende Zellen oder Enzyme zur Stoffumwandlung und Stoffproduktion nutzen.
  • Desoxyribonukleinsäure (DNS / DNA) trägt die genetische Information. In den Chromosomen liegt sie als hochkondensiertes, fadenförmiges Molekül vor.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Immunologie ist eine Wissenschaft, die sich u. a. mit den Abwehrreaktionen von Mensch und Tier gegen Organismen wie Bakterien, Pilze und Viren, aber auch mit Abwehrreaktionen gegen fremde Zellen und Gewebe bzw. gegen eigene Zellen und Gewebe (Autoimmunreaktionen) beschäftigt.
  • Mit Kompetenz im biologischen Sinn ist die Eigenschaft eines Bakteriums gemeint, DNA von außen aufnehmen zu können.
  • Aufgabe der Life Sciences ist die Erforschung, Entwicklung und Vermarktung von Produkten, Technologien und Dienstleistungen auf Basis der modernen Biotechnologie.
  • Proteine (oder auch Eiweiße) sind hochmolekulare Verbindung aus Aminosäuren. Sie übernehmen vielfältige Funktionen in der Zelle und stellen mehr als 50 % der organischen Masse.
  • Eine Sonde im molecularbiologischen Sinn ist ein Stück markierte RNA oder DNA, die mit einer gesuchten Sequenz binden (hybridisieren) kann.
  • Das Immunsystem ist das körpereigene Abwehrsystem von Lebewesen, das Gefahren durch Krankheitserreger abwenden soll. Es schützt vor körperfremden Substanzen und vernichtet anormale (entartete) Körperzellen. Dies wird durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Organe, Zelltypen und chemischer Moleküle vermittelt.
  • Die Computertomographie (CT) ist ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung von Strukturen im Körperinneren. Dabei werden Röntgenaufnahmen aus verschiedenen Richtungen gemacht und anschließend rechnerbasiert ausgewertet, um ein dreidimensionales Bild zu erhalten.
  • Als Autoimmunerkrankungen werden Krankheiten bezeichnet, bei denen das eigene Immunsystem gegen körpereigenen Zellen vorgeht. Diese Erkrankungen beruhen auf einer gestörten Fremd- bzw. Selbst-Erkennung des Immunsystems.
  • Fossile sind aus der erdgeschichtlichen Vergangenheit stammende Überreste von Tieren oder Pflanzen.

Modellprojekt für europäische Integration

Die trinationale Forschungslandschaft von Eucor: Durch Programme soll grenzüberschreitendes Studieren erleichtert werden. © Eucor – The European Campus

Seit 2015 ist die angestrebte Europäische Verbindung für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ) eine eigene europäische Rechtsperson unter dem Namen Eucor mit Koordinationsstelle in Straßburg. Die Autonomie der einzelnen Universitäten bleibt bestehen. Anfang 2016 bekam der allein von Universitäten getragene Verbund eine dreijährige Förderung von zwei Millionen Euro durch die INTERREG-Oberrhein-Programme und der European Campus wurde in Straßburg offiziell eröffnet.

Die strategische Position am Oberrhein bietet durch die hohe Dichte an Hochschulen und Forschungseinrichtungen ohnehin ideale Voraussetzungen als grenzüberschreitender Wissenschaftsraum. Innerhalb von Bildung und Wissenschaft gibt es bereits 109 Projekte der Zusammenarbeit und 30 bi- oder trinationale Studiengänge, was die Wettbewerbskraft im europäischen Vergleich stark erhöht.

Die Mission des Zusammenschlusses mit der neuen Rechtsform ist in erster Linie der Abbau bürokratischer Hürden bei der gemeinsamen Nutzung aller Kompetenzen durch die beteiligten Wissenschaftler. Es ist möglich, gemeinsames Personal in den Professuren, der Verwaltung sowie auf Doktoranden- und Servicepositionen einzustellen, wobei Eucor als autonomer Antragsteller in den drei Ländern agieren kann. Außerdem soll das Modellprojekt als internationaler Magnet für viele junge Wissenschaftler und Studierende aus anderen Regionen wirken und übertragbar auf andere Grenzregionen sein.

Grenzüberschreitendes Studieren erleichtern

Damit das Studieren am Oberrhein reibungslos funktioniert, müssen Unterschiede in den nationalen Wissenschaftssystemen umgangen und Kooperationen gefördert werden. Dazu gehören gemeinsame Forschungsprogramme und Ausbildungsangebote auf verschiedenen Studienniveaus. Auch die gegenseitige Anerkennung von erbrachten Studienleistungen muss in den drei Ländern gewährleistet sein. So kann man ein bi- oder trinationales Studium an mehreren Universitäten abschließen und sich ein Studium à la carte zusammenzustellen, in dem man einzelne Kurse oder Module in der Partneruniversität wählt. Hierfür sind eine hohe Mobilität (Tri-Regio-Ticket) sowie reaktionsschnelle Verwaltungsformen nötig. Seit 2014 werden 16 grenzüberschreitende Studienangebote innerhalb des Eucor-Verbundes genutzt. In Straßburg, Freiburg und Basel gibt es schon seit 1989 einen mehrsprachigen Studiengang im Bereich Biotechnologie mit trinationalem Diplom. Der European Campus bietet zahlreiche Themenbereiche wie Energetische Effizienz und Nichtfossile Energien, „Grüne Chemie“, Umwelt, Informatik und Medientechnologie, Life Sciences und Gesundheit, Neurotechnologie, Material- und Nanowissenschaften in Bezug auf bioinspirierte Materialien sowie viele Themen aus Kultur, Geschichte und Sprachen an.

Bench and Bed Immunology

Setzt sich für die Vernetzung der Universitäten im Dreiländereck Deutschland, Frankreich und der Schweiz ein: Prof. Dr. Reinhard Voll, Ärztlicher Direktor der Klinik für Rheumatologie und Immunologie. © Prof. Dr. Reinhard Voll, Uniklinik Freiburg

Der Hauptfokus der Eucor-Förderung liegt auf dem Ausbau von Netzwerken, dem Austausch und der Entwicklung gemeinsamer Projektideen der fünf Hochschulen. Dabei stehen weniger die wissenschaftlichen Inhalte oder Projekte, sondern die Mobilitätsprogramme und wissenschaftlichen Meetings im Vordergrund. Eines davon ist das Ausbildungsangebot „Bench and Bed Immunology“ (Immunologie: von der Laborforschung zum Patientenbett) für Studierende, Doktoranden, junge Ärzte und Wissenschaftler der beteiligten Universitäten. Prof. Dr. Reinhard Voll, Ärztlicher Direktor an der Freiburger Klinik für Rheumatologie und Klinische Immunologie und Mitglied des Zentrums für Chronische Immundefizienz (CCI), koordiniert zusammen mit Prof. Dr. Anne-Sophie Korganow von der Klinischen Immunologie der Université de Strasbourg die jährlichen Treffen, die seit sechs Jahren im Wechsel in Freiburg und Straßburg stattfinden. Hier bekommen die Teilnehmer Einblick in die Pathogenese, Klinik und Therapie immunologischer Erkrankungen.

Jedes Jahr wird ein anderes Thema der Immunologie bearbeitet und jeder der 25 bis 30 Teilnehmer liefert einen aktiven Beitrag in Form eines Posters oder Vortrags zum zweitägigen Seminar. „Der eine stellt sein Projekt vor, der andere zeigt einen interessanten neuen Ansatzpunkt und dann kommen oft wissenschaftliche Kooperationen zustande“, sagt der Mediziner. Vortragende Studierende und renommierte Experten kommen auch von anderen Hochschulen und Hochschul-assoziierten Kliniken aus Mainz, Baden-Baden und Heidelberg, um sich über eine spezielle Krankheit auszutauschen. „Wir wollen diesen jungen Ärzten und Wissenschaftlern von den theoretischen Grundlagen über die aktuellsten Ergebnisse der Laborforschung bis hin zu Therapieansätzen beim Menschen thematisch alles anbieten“, meint Voll, „dabei ist das Niveau so hoch, dass auch wir Professoren von diesem Austausch profitieren.“

Immunsystem im Fokus

Inhaltlich geht es um zwei große Themen der klinisch relevanten Immunologie: auf der einen Seite seltene Immundefekte, bei denen Bestandteile des Immunsystems fehlen oder das körpereigene Abwehrsystem nicht richtig funktioniert, und andererseits Autoimmunkrankheiten, bei denen das Immunsystem körpereigene Strukturen angreift. Einer der Schwerpunkte war beispielsweise der systemische Lupus erythematodes (SLE), eine seltene Autoimmunerkrankung, die vor allem junge Frauen betrifft und die mit einer schmetterlingsförmigen Rötung im Gesicht sowie Gelenkentzündungen einhergeht. Der SLE betrifft neben der Haut und dem Bewegungsapparat bei schweren Verlaufsformen auch häufig innere Organe wie Nieren, Herz und Gehirn, was ihn zu einer lebensbedrohlichen Krankheit macht. Beim SLE bildet die Immunabwehr Antikörper gegen eigene Protein-DNA-Partikel aus den Zellkernen, die Komplexe bilden und etwa die Nieren als Immunkomplexe massiv schädigen und letztlich den Funktionsverlust der Nieren bewirken können.

In einem anderen Interreg-finanzierten Projekt werden die immunologischen Proben von Patienten mit seltenen Autoimmunerkrankungen in einer Biobank gesammelt und (doppelt pseudonymisiert) den anderen Experten der deutschen, französischen und Schweizer Universitäten zur Forschung zugänglich gemacht. Vernetzung ist das A und O. „Wenn man die Pathogenese seltener Erkrankungen untersuchen möchte, ist es sehr hilfreich, mit großen Patientenzahlen zu arbeiten, und das geht nur durch Kooperationen und Vernetzung“, beschreibt Voll die Idee der Datenbank.

Die Teilnehmer von „Bench and Bed Immunology“ äußern sich ebenso wie Studierende anderer Programme begeistert über die Austauschmöglichkeiten durch den europäischen Campus. Sie lernen andere Unterrichtsstile, andere Forschungsansätze kennen und empfinden dies als große Bereicherung. Zudem können sie an anderen Unis ECTS-Punkte sammeln, die sie sich daheim anrechnen lassen können. Als Hürden, die es noch zu überwinden gilt, zählen die unterschiedlichen Semesterzeiten in den drei Ländern, die angeglichen werden müssten. Die Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln ist zum Teil unbefriedigend. Auch wissen viele Studierende nichts vom European Campus und seinen Möglichkeiten, sodass immer wieder Plätze unbesetzt blieben. Die Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit muss erhöht werden, damit mehr Menschen die Potenziale auch ausschöpfen. „Allerdings ist die Antragstellung für ein internationales Programm bei Eucor erfreulich unkompliziert“, so Voll. Das ist doch schon ein erster Schritt.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/eucor-europaeische-universitaet-mit-leben-fuellen/