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Fluoron – ein Unternehmen kommt auf Touren

Kundennähe ist mehr als ein Wort. Christian Lingenfelder und Mitarbeiter packen deshalb oft ihre Flugkoffer für ihre „Tingeltour“ durch die Operationssäle Russlands oder Chinas. Tausende Kilometer fern der Ulmer Produktionsstätte tauscht sich die Fluoron-Crew mit Netzhautchirurgen aus. Für sie entwickelt und produziert der Mittelständler hochreine Biomaterialien, Hilfsstoffe für die Augenoperation.

Für den wachsenden chinesischen Markt werden gerade spezielle Produkte entwickelt, denn dort sind die Anforderungen an eine Netzhaut-OP andere als hierzulande. Wer Fluoron-Geschäftsführer Christian Lingenfelder zuhört, bekommt vor allem eine Botschaft vermittelt: Hier hat ein forschungsgetriebener kleiner Mittelständler den Turbo angeworfen, der mit neu entwickelten Produkten weiter wachsen will, den Prozess aber in eine umsichtige Strategie der Diversifizierung einbettet.

Hochreine Flüssigkeiten und Farbstoffe

Hochreine Biomaterialien für Netzhautchirurgen. © Fluoron GmbH

Die Fluoron GmbH zählt 17 Mitarbeiter und erzielt mit ihren Produkten in 2010 einen Umsatz von 2,5 Millionen Euro. Zum Portfolio zählen hochreine Flüssigkeiten und Farbstoffe, die der Netzhautchirurg für seinen Eingriff benötigt. Mit Absatzproblemen dürfte das Unternehmen nicht zu tun haben. Denn am Auge wird immer häufiger operiert: die Menschen werden immer älter und Zivilisationskrankheiten wie die diabetische Retinopathie nehmen rasant zu. Allein in Deutschland werden im Jahr 80.000 Operationen im hinteren Augenabschnitt durchgeführt. 

Angefangen hat das Unternehmen mit Perfluorcarbonen. Diese chemisch hochstabilen durchsichtigen Flüssigkeiten, die kein menschliches Enzym knackt, haben eine größere Dichte als Wasser. In der Augenchirurgie werden sie als temporäre Tamponaden eingesetzt; sie stabilisieren die Netzhaut nach der Entfernung des Glaskörpers (Vitrektomie) und werden nach dem Eingriff an der Netzhaut wieder entfernt.

Prozess entfernt kurzkettige Silikonmoleküle

Das Ulmer Unternehmen liefert auch Tamponaden, die längere Zeit im Auge verbleiben. Dabei handelt es sich um Silikonöle, die bei Fluoron in einem eigens entwickelten Prozess von ihren toxischen kurzkettigen Silikonmolekülen gereinigt werden. Diese nunmehr hochreinen Biomaterialien, die in unterschiedlicher Viskosität angeboten werden, stabilisieren dank ihrer Oberflächenspannung die Netzhaut und tragen zu ihrer Anhaftung bei, übernehmen die Funktion des Glaskörpers, der bei Netzhauteingriffen entfernt wird.

Die seit 2007 forcierte Forschung hat zur Entwicklung eines neuen Produktes geführt, was Augenoperateuren erstmals die sichere Entfernung einer hauchdünnen Membran ermöglicht. Der biokompatible und jüngst zugelassene Farbstoff heißt Brilliant Peel. Zellbiologen nutzen diese Substanz aus der riesigen Familie der Triphenylmethane schon seit langem zum Anfärben von Proteinen.

Farbstoff macht Eingriff sicherer

Ergebnis der Forschung: ein neuer Farbstoff © Fluoron

Bislang, erläutert Fluoron-Chef Lingenfelder, mussten Chirurgen die zwei bis drei tausendstel Millimeter dünne Schicht (Membrana limitans interna) von der Netzhaut mit einer kleinen Pinzette ablösen, um sicherzustellen, dass Reste des zuvor entfernten Glaskörpers nicht die Makula schädigen oder die Abheilung verhindern.

Entweder geschah dieser Eingriff „auf Sicht", mit der Gefahr, schädliche Glaskörperreste zu übersehen, oder der Operateur setzte toxische Farbmittel ein, die er aufwändig mischen musste und nur begrenzte Zeit einsetzen konnte. Jetzt, wo sich die Membran hochspezifisch anfärben lässt, erkennt der Chirurg genau, was und ob er alles entfernt hat.   

Forschung zahlt sich aus

Viel verspricht sich das Unternehmen auch von der Entwicklung eines Glaskörperersatzstoffes auf Basis des Natriumhyaluronats. Im Erfolgsfall würde Patienten damit eine weitere Operation erspart. Dieses Ziel verfolgt ein BMBF-Verbundprojekt, an dem auch Fluoron beteiligt ist. Wird dem Patienten krankheitsbedingt der Glaskörper entfernt, müssen an seiner statt Öl-Tamponaden oder Gaze die Netzhaut stabilisieren. Diese Substanzen müssen nach gewisser Zeit aber wieder operativ entfernt werden, umreißt Lingenfelder das Problem.

Die verstärkte Forschung zahlt sich für das Unternehmen aus: Gleich sechs neue Produkte will es 2011 auf die internationalen Märkte bringen, 2010 wurde mit der weiterentwickelten Version des oben genannten Farbstoffs die letzte Innovation vermarktet, die den Orphan-Drug-Status von der FDA erhalten hat.

Kommunikation auf wissenschaftlichem Niveau

Fluoron will in das Geschäft der Auftragsfertigung einsteigen. © Fluoron GmbH

Vom US-amerikanischen und japanischen Markt hält sich der kleine Mittelständler der teuren Zulassungshürden wegen aber (noch) fern. Ein Blick auf die Firmenwebseite zeigt, wo sich der Mittelständler engagiert: mit Netzhautchirurgen wird auf Chinesisch, Russisch, Türkisch, Arabisch, Englisch, Spanisch, Französisch, Portugiesisch und Deutsch kommuniziert.

Erklärtes Ziel des Unternehmens ist es, die Klientel in die Entwicklung seiner Produkte einzubinden. Das verlangt hohen persönlichen Einsatz auf Schulungen, Kongressen und Messen. Aus dem wissenschaftlichen Austausch mit den Anwendern erwachsen auch Doktorarbeiten, Habilitationen und Weiterentwicklungen, die allerhöchste akademische Weihen erhalten, deren Glanz auch auf Fluoron abfällt.

Unter dem Dach der Geuder Gruppe

Ohne starken Vertriebspartner wären solche Parforcetouren kaum denkbar. Das liegt in Fluorons Firmenhistorie begründet. Vom emeritierten Ulmer Chemieprofessor Hasso Meinert 1996 gegründet, wurde es bald an die Heidelberger Geuder AG verkauft, einem Spezialisten für augenchirurgische Instrumente und Geräte. Damit hatte Fluoron einen starken Vertriebspartner zur Seite, der mit riesigem Produktportfolio in 50 Märkten präsent ist. Zur Geuder Gruppe gehören auch Geuder Asia-Pacific sowie Novaliq, eine Fluoron-Ausgründung, mit der die Ulmer eine strategische Forschungs- und Entwicklungsallianz auf dem Feld der semifluorierten Alkane eingegangen sind.

Dass das vormals in Neu-Ulm ansässige Unternehmen 2009 seinen Sitz in den Ulmer Osten verlegt hat, wo es im Stadtregal eine großzügige, noch ausbaufähige Produktionsstätte bezogen hat, hat viel mit Christian Lingenfelder zu tun. Der Wirtschaftsingenieur und Doktor der Humanbiologie, der auch einen MBA auf seiner Visitenkarte stehen hat, ist seit 2007 für die Geschicke des Unternehmens verantwortlich.

Zäsur im Jahr 2007

Geschäftsführer Dr. Christian Lingenfelder. © Fluoron GmbH

Er leitete einen tief greifenden Wandel ein, automatisierte den manuellen Herstellungsprozess weitgehend, stockte die Mittel für Forschung und Entwicklung auf, warb mit erweitertem Team immer mehr Drittmittel ein, füllte so die Produktpipeline auf. Der Unternehmer, („ich gucke über den Tellerrand") hat mit seiner Strategie, die auch unübliche Wege beschreitet, inzwischen einige Preise eingeheimst. So engagierte er Mechatroniker-Azubis zusammen mit deren Berufsschule und Ausbildungsbetrieben, um den Herstellungsprozess zu automatisieren.

Das profitabel wirtschaftende Unternehmen sieht Lingenfelder auf einem guten Weg. Dass die Banken den Mittelständler im Krisenjahr 2010 mit Kapital versorgten, gilt diesem als Vertrauenssignal. Dennoch läutet das in Fahrt gekommene Unternehmen gerade eine Art Diversifizierung ein. Lingenfelder will dieses Umsteuern als Reaktion auf den hohen regulativen Aufwand verstanden wissen, der die Medizintechnikbranche, vor allem die kleinen Mittelständler, beutelt.

Diversifizierung soll Zukunft sichern helfen

Bei Fluoron werden Überlegungen verstärkt, aus der Biomaterialentwicklung Plattformen zu entwickeln, womit weitere chirurgische Disziplinen wie Orthopädie oder Dermatologie beliefert werden könnten. Entsprechende Anlagen sind entwickelt, erste Gespräche mit Firmen laufen, verrät Lingenfelder.

Zur Stabilisierung des Geschäfts will Fluoron auch in die Auftragsherstellung einsteigen und dem Kunden mit einer Produktidee das Geschäft der Dokumentation, Zulassung, Produktion und Verpackung abnehmen. Eine solchermaßen breiter aufgestellte und finanziell besser gepolsterte Fluoron könnte nicht nur in weitere chirurgische Disziplinen vordringen, sondern sogar die Zulassung erster Produkte auf dem weltgrößten Markt in den USA angehen.

Mittelfristig hält Lingenfelder eine Entwicklung in Richtung Pharma für denkbar. Das Ulmer Unternehmen fühlt sich gut aufgestellt, um auf den Zug der Zukunft aufzuspringen. Die Branche nennt diese Hinwendung Biologisierung der Medizintechnik, versteht darunter etwa bioaktive Oberflächen, Drug-Delivery-Systeme oder Mischprodukte aus Medizinprodukt und pharmazeutischem Wirkstoff.

Glossar

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) wird durch einen Mangel an Insulin hervorgerufen. Man unterscheidet zwei Typen. Bei Typ 1 (Jugenddiabetes) handelt es sich um eine Autoimmunkrankheit, bei der körpereigene Immunzellen die Beta-Zellen der Bauchspeicheldrüse, die Insulin produzieren, zerstören. Typ 2 (Altersdiabetes) ist dagegen durch eine Insulinrestistenz (verminderte Insulinempfindlichkeit der Zielzellen) und eine verzögerte Insulinausschüttung gekennzeichnet.
  • Enzyme sind Katalysatoren in der lebenden Zelle. Sie ermöglichen den Ablauf der chemischen Reaktionen des Stoffwechsels bei Körpertemperatur.
  • Proteine (oder auch Eiweiße) sind hochmolekulare Verbindung aus Aminosäuren. Sie übernehmen vielfältige Funktionen in der Zelle und stellen mehr als 50 % der organischen Masse.
  • kb ist die Abkürzung für Kilobase. Diese Einheit für die Länge von DNA- oder RNA-Molekülen entspricht 1.000 Basen bzw. Basenpaaren der Nukleinsäure.
  • Die Dermatologie ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit Hauterkrankungen sowie mit gut- und bösartigen Tumoren der Haut befasst.
  • Toxizität ist ein anderes Wort für Giftigkeit.
  • Die Zytologie oder auch Zellbiologie ist eine Disziplin der Biowissenschaften, in der mit Hilfe mikroskopischer und molekularbiologischer Methoden die Zelle erforscht wird, um biologische Vorgänge auf zellulärer Ebene zu verstehen und aufzuklären.
  • Ein Stoff aus der Gruppe der Kohlenwasserstoffe und somit eine chemische Verbindung. Es ist geruchslos, farblos und brennbar. In der Industrie wird es oft als Heizgas verwendet.
  • Bundesministerium für Bildung und Forschung
  • Bioaktive Substanzen sind Stoffe in Lebensmitteln, die meist eine gesundheitsfördernde biologische Wirkung auf den menschlichen Körper haben, aber keine Nährstoffe bzw. Energie liefern. Sie haben häufig entzündungshemmende, antioxidative, immunmodulierende oder antikanzerogene Wirkung.
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