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Hermann Bujard - Grundlagenforscher aus Leidenschaft

Als einer der Initiatoren für die Etablierung des EMBL und als Gründungsdirektor des ZMBH hat Hermann Bujard entscheidend dazu beigetragen, Heidelberg zu einem führenden Standort molekularbiologischer Forschung in Deutschland zu machen. Als EMBO-Direktor fördert er jetzt die Entwicklung der molekularen Biowissenschaften in ganz Europa.

Im Juli 2007 wurde Prof. Dr. Hermann Bujard zum Executive Director der Europäischen Organisation für Molekularbiologie (EMBO) ernannt. Damit übernahm der Heidelberger Molekularbiologe als Nachfolger von Prof. Frank Gannon eines der wichtigsten und angesehensten Ämter, welches die europäische Wissenschaft zu vergeben hat. Prof. Frank Gannon kehrte nach 13 Jahren an der EMBO-Spitze in sein Heimatland Irland zurück. Bujard betont allerdings, dass er die Arbeit nur machen werde, bis EMBO einen neuen, jüngeren Direktor berufen hat. Danach will er sich wieder ganz der Wissenschaft, insbesondere der Entwicklung eines Impfstoffs gegen Malaria, widmen.

EMBO-Direktor

Prof. Dr. Dr. h.c. Hermann Bujard (Foto: Universität Heidelberg)
Bis dahin jedoch hält ihn EMBO mit seinen vielfältigen Programmen und Aktivitäten fest. Dazu gehören Workshops und Trainingskurse, die Auswahl von Stipendien für „EMBO Postdoctoral Fellows“ und „Young Investigators“, das Vortragsprogramm „Science and Society“ (zusammen mit EMBL), die EMBO-Publikationen, die zu den angesehensten in der Molekularbiologie weltweit gehören („EMBO Journal“, „EMBO reports“, und als jüngstes Organ „Molecular Systems Biology“) und, last not least, die Wahl neuer EMBO Members. Gegenwärtig gehören EMBO mehr als 1.200 Wissenschaftler aus Europa und über 70 assoziierte Mitglieder aus außereuropäischen Ländern an, darunter 45 Nobelpreisträger. EMBO ist jedoch weit mehr als eine Akademie exzellenter Molekularbiologen, schreibt Bujard in seiner Botschaft an die Mitglieder (EMBO encounters, Issue 9, 2007/2008). Es ist ein Netzwerk erstklassiger Wissenschaftler, die selbst zum größten Teil eng mit den EMBO-Aktivitäten verbunden sind.

Im Herbst 2007 wurden die Weichen für die Übernahme der European Life Scientist Organization (ELSO) in EMBO gestellt. ELSO führt seit Jahren eine hochkarätige Konferenz durch, an dem sich jetzt – beim ELSO Meeting 2008 am 30. August bis 2. September in Nizza - auch EMBO als Mitveranstalter beteiligen wird. Für die Zeit nach der Fusion, ab 2009, kündigt Bujard ein jährliches Symposium an, das „EMBO Annual Meeting“, für das als gemeinsames Forum von Zell-, Molekular- und Entwicklungsbiologen 4.000 bis 5.000 Teilnehmer erwartet werden - die größte Life-Science-Veranstaltung in Europa.

Das EMBL kommt nach Heidelberg

Hermann Bujard wurde 1976 zum EMBO-Mitglied gewählt, aber seine enge Verbindung mit der Organisation datiert bis 1970 zurück. Zuvor hatte er in den USA als Postdoctoral Fellow an der University of Wisconsin, Madison, und als Assistant Professor am Southwest Center for Advanced Studies in Dallas, Texas, geforscht und war gerade als Professor für molekulare Genetik an die Universität Heidelberg berufen worden, als er zusammen mit Peter von Sengbusch und Ken Holmes vom Max-Planck-Institut für medizinische Forschung ein Proposal verfasste, in dem für Heidelberg als Sitz von EMBO geworben wurde.
Das EMBO-Gebäude auf dem EMBL-Campus (Foto: EMBO)
Damals waren München bei Weitem die besten Chancen eingeräumt worden, aber dank der Überzeugungskraft der drei Wissenschaftler, mit Unterstützung durch die berühmten Atomphysiker Wolfgang Gentner und Hans Jensen und durch den damaligen Oberbürgermeister setzte sich Heidelberg durch. So war es nur folgerichtig, dass Bujard (zusammen mit Sengbusch) auch im Lokalen Organisationskomitee zur Ansiedlung des Europäischen Laboratoriums für Molekularbiologie (EMBL) die Grundlagen für die Etablierung des EMBL in Heidelberg schuf. Die Errichtung einer von den europäischen Staaten gemeinsam getragenen Forschungseinrichtung der modernen Biologie war eines der Hauptziele von EMBO gewesen. Heute hat EMBO sein eigenes Gebäude in unmittelbarer Nachbarschaft des EMBL-Hauptlabors.

1982 ging Bujard als Stellvertretender Direktor und Leiter der Biologischen Forschung zu F. Hoffmann-La Roche nach Basel, wo er über Krebs und neurodegenerative Erkrankungen arbeitete und ein erstes Forschungsprogramm zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen Malaria aufbaute.

Gründung des ZMBH

Das Zentrum für Molekulare Biologie Heidelberg (ZMBH) (Foto: Universität Heidelberg)
Ende 1985 kehrte Hermann Bujard an die Universität Heidelberg zurück, wo er zum Gründungsdirektor des Zentrums für Molekulare Biologie (ZMBH) bestellt wurde, für das er ein zukunftsweisendes Programm der Grundlagenforschung, der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses und der Lehre auf dem Gebiet der Molekularbiologie vorgelegt hatte. Die von ihm und seinen Kollegen eingeführte Struktur und Wissenschaftskultur am ZMBH mit flacher Hierarchie unabhängig von den Fakultäten, selbstständigen Nachwuchsgruppen und flexiblen Karrieremöglichkeiten war so erfolgreich, dass das ZMBH zu einem Modell in ganz Deutschland geworden ist.

Einer der Forschungsschwerpunkte in Bujards Laboratorium lag auf den Mechanismen der Genregulation. Ihm und seinen Mitarbeitern gelang es, aus Elementen eines Regelkreises, der in Bakterien die Resistenz gegen das Antibiotikum Tetrazyklin reguliert, in höheren Zellen ein Regulationssystem zum An-und Abschalten einzelner, spezifischer Gene aufzubauen. „Mit der ersten menschlichen Tumorzelllinie, die mit diesem tetrazyklinabhängigen Transaktivator („Tet-Schalter“) ausgestattet war, konnten wir“, schrieb Bujard, „die Aktivität eines einzelnen Gens über einen 250.000-fachen Bereich stufenlos regulieren – einfach durch Veränderung der Tetrazyklinmenge in der Kulturschale. Wie empfindlich das System reagiert, zeigt sich in der Tatsache, dass bereits eine Konzentration von drei Milliardstel Gramm pro Kubikzentimeter Doxyzyklin (ein Tetrazyklinderivat) genügen, um den Promotor vollständig abzustellen.“

Der Tet-Schalter und die Bekämpfung der Malaria

Heute wird der Tet-Schalter in zahllosen akademischen Laboratorien, aber auch in der Industrie, in Pharma-und Biotech-Unternehmen der ganzen Welt, eingesetzt. Bujard betont, dass die Schaltsysteme vor dem Hintergrund rein grundlagenorientierten Interesses für molekulare Mechanismen der Genregulation in E. coli entstanden seien. „Sie waren ein fast spielerisch betriebenes Seitenprojekt, auch von Gutachtern eher belächelt und daher mit abgezweigten Mitteln finanziert. Selbst als die ersten überzeugenden Resultate vorlagen, gab es keinerlei Interesse von industrieller Seite in der Bundesrepublik.... So viel zur Planbarkeit der Forschung und zur Unfähigkeit von Hochschullehrern im Technologietransfer.“
Formel von Tetrazyklin (Abbildung: privat)
Bujard ist Autor von über 140 Publikationen in erstklassigen („peer-reviewed“) Fachzeitschriften und hält 25 internationale Patente. Von seinen zahlreichen Auszeichnungen seien neben seiner Mitgliedschaft in EMBO und im Max-Planck-Institut für medizinische Forschung nur die Ehrendoktorwürde der Universität Würzburg, der Karl Heinz Beckurts Preis und die Verdienstmedaille des Landes Baden-Württemberg erwähnt.

Sein wissenschaftliches Hauptinteresse gilt weiterhin der Entwicklung einer Malaria-Vakzine auf der Basis des „Merozoite surface protein 1“ (MSP-1), eines Proteins auf der Oberfläche des Merozoitenstadiums des Malaria-Erregers Plasmodium falciparum. Die GMP-Produktion des Impfstoffs befindet sich in Vorbereitung, und Bujard erwartet, dass in etwa zwei Jahren mit den klinischen Phase-I-Studien begonnen werden kann. Die Feldstudien in Afrika werden etwa drei Jahre in Anspruch nehmen. Für seine Zeit nach EMBO plant er den Aufbau eines Labors mit einer neuen Arbeitsgruppe im Rahmen der Fraunhofer-Gesellschaft.

EJ – 12.02.08
© BIOPRO Baden-Württemberg GmbH
Weitere Informationen zum Beitrag:
Dr. Ernst-Dieter Jarasch
BioRegion Rhein-Neckar-Dreieck e.V.
Im Neuenheimer Feld 582
69120 Heidelberg
E-Mail: jarasch@bioregion-rnd.de

Glossar

  • Ein Antibiotikum ist ein Stoffwechselprodukt von Mikroorganismen (Bakterien, Pilze), das in geringen Konzentrationen andere Mikroorganismen in ihrem Wachstum hemmt.
  • Bakterien sind mikroskopisch kleine, einzellige Lebewesen, die zu den Prokaryoten gehören.
  • Eine Base ist ein Bestandteil von Nukleinsäuren. Es gibt vier verschiedene Basen: Adenin, Guanin (Purinabkömmlinge), Cytosin und Thymin bzw. Uracil (Pyrimidinabkömmlinge). In der RNA ersetzt Uracil Thymin.
  • Escherichia coli (Abk.: E. coli) ist ein Colibakterium, das im menschlichen Darm vorkommt. Varianten dieses Colibakteriums (E. coli K12), denen bestimmte, für das Überleben in freier Wildbahn notwendige Eigenschaften des Wildtypbakteriums fehlen, werden in der Gentechnik häufig als so genannter Empfängerorganismus für die Klonierung von rekombinanten DNA-Stücken eingesetzt.
  • Ein Gen ist ein Teil der Erbinformation, der für die Ausprägung eines Merkmals verantwortlich ist. Es handelt sich hierbei um einen Abschnitt auf der DNA, der die genetische Information zur Synthese eines Proteins oder einer funktionellen RNA (z. B. tRNA) enthält.
  • Ein Promotor ist ein Abschnitt auf der DNA, der die Expression der dahinter liegenden Gene reguliert. Dies geschieht, indem DNA-bindende Proteine, so genannte Transkriptionsfaktoren, an den Promotor binden und so ein Startsignal für die RNA-Polymerase geben, welche eine mRNA-Kopie der Gene anfertigt.
  • Proteine (oder auch Eiweiße) sind hochmolekulare Verbindung aus Aminosäuren. Sie übernehmen vielfältige Funktionen in der Zelle und stellen mehr als 50 % der organischen Masse.
  • Ein Vakzin ist ein Impfstoff. Dieser besteht aus toten oder abgeschwächten Erregern (oder deren antigenen Determinanten), durch deren Verwendung Immunität gegen diese Pathogene im Körper erzeugt wird.
  • Ein Tumor ist eine Gewebsschwellung durch abnormales Zellwachstum, die gutartig oder bösartig sein kann. Gutartige (benigne) Tumore sind örtlich begrenzt, während Zellen bösartiger (maligner) Tumore abgesiedelt werden können und in andere Gewebe eindringen können, wo sie Tochtergeschwulste (Metastasen) verursachen.
  • Die Molekularbiologie beschäftigt sich mit der Struktur, Biosynthese und Funktion von DNA und RNA und und deren Interaktion miteinander und mit Proteinen. Mit Hilfe von molekularbiologischen Daten ist es zum Beispiel möglich, die Ursache von Krankheiten besser zu verstehen und die Wirkungsweise von Medikamenten zu optimieren.
  • Unter Degeneration verstehet man in einem medizinisch-biologischen Sinn die Rückbildung und den Verfall von Zellen, Geweben oder Organen.
  • Molekular bedeutet: auf Ebene der Moleküle.
  • Good Manufacturing Practise. Eine Sammlung an Richtlinien zu Qualitätssicherung der Produktionsabläufe und -umgebung
Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/de/fachbeitrag/aktuell/hermann-bujard-grundlagenforscher-aus-leidenschaft/