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Peritonealkarzinose – Überleben mit guter Lebensqualität

Dank eines innovativen Behandlungsverfahrens konnten Tübinger Chirurgen seit 2005 zahlreichen Patienten mit Peritonealkarzinose ein längeres Überleben und eine bessere Lebensqualität ermöglichen. Die Technik basiert auf einer komplexen Operation und einer unmittelbar anschließenden intraoperativen Chemotherapie lokal am Bauchfell.

Professor Dr. Stefan Beckert © Universitätsklinikum Tübingen

Bei einer Peritonealkarzinose handelt es sich um einen malignen (bösartigen) Tumor im Bereich des Bauchfells. Vom Bauchfell selbst können sich in seltenen Fällen ein Mesotheliom und das primär peritoneale Karzinom entwickeln. Am häufigsten bilden jedoch Metastasen anderer Tumoren die Peritonealkarzinose aus. „Metastasen im Peritoneum können grundsätzlich durch fast jeden Tumor entstehen, am häufigsten durch Magen-, Darm-, und Eierstock-Krebs“, erklärt Professor Dr. Stefan Beckert, Leitender Oberarzt der chirurgischen Onkologie am Universitätsklinikum Tübingen (UKT). Nach dem Zentrum für Krebsregisterdaten des Robert-Koch-Instituts erkrankten im Jahr 2013 etwa 15.600 Frauen und Männer an Magen- sowie 62.400 an Darmkrebs. 7.300 Frauen litten unter Eierstockkrebs2. Nach Schätzungen, erläutert Beckert, entwickeln ca. 15 bis 20 Prozent der Patienten mit einem Kolonkarzinom peritoneale Metastasen, bei einem Magenkarzinom sind es 10 bis 15 Prozent. „Bei Eierstock-Krebs liegen bei 60 bis 80 Prozent der Fälle bei der Primärdiagnose schon Metastasen im Bauchfell vor“, sagt Beckert.

Peritonealkarzinose bisher kaum behandelbar

Eine Peritonealkarzinose ist mit einer systemischen Chemotherapie alleine kaum behandelbar. Daher galt sie noch bis vor Kurzem als finales Krankheitsstadium. Denn die Chemotherapeutika scheinen über eine Gabe durch Infusion oder Tabletten nicht in ausreichender Konzentration in das Bauchfell zu gelangen. Patienten überlebten bisher mit der herkömmlichen Methode, laut Beckert, im Mittelwert etwa 12 Monate. Mittlerweile hat sich die Methode der Peritonektomie mit HIPEC (Hypertherme IntraPEritoneale Chemotherapie), die in Tübingen seit 2005 angewendet wird, weiter verbreitet. Bei dieser Methode wird der gesamte Tumor aus dem Bauchraum durch eine Operation von 10 bis 12 Stunden entfernt und im Anschluss noch in Narkose der Bauchraum mit einer erhitzten Chemotherapie-Lösung ausgespült. Dabei werden unter anderem Oxaliplatin oder Cisplatin eingesetzt, also Zytostatika, die das Zellwachstum und die Zellteilung hemmen. Neuste Ergebnisse der Tübinger Forscher zeigen, dass die Therapeutika mithilfe dieser Methode tatsächlich in das Gewebe gelangen1.

Dennoch sollte der Begriff „Heilung“ laut Beckert sehr vorsichtig verwendet werden. Ärzte sprechen hier von Langzeitüberleben, das heißt, dass der Patient fünf Jahre überlebt hat. Diese Langzeitüberlebensrate konnte bei einer Peritonealkarzinose mit HIPEC deutlich verbessert werden. „Wenn man einen Bauchfellbefall durch Darmkrebs hat, können wir ungefähr in 30 Prozent der Fälle ein Langzeitüberleben erreichen“, sagt Beckert. „Das ist deutlich besser als die alleinige Chemotherapie.“

Glossar

  • Metastasen sind Zellen, die sich vom Primärtumor abgelöst haben und weiterwachsen. Diese Tochtergeschwulst kann weit entfernt vom Primärtumor und in völlig anderem Gewebe entstehen.
  • Zytostatika sind Wirkstoffe, die die Zellteilung bzw. das Zellwachstum hemmen. Da sie vor allem auf die Zellen giftig wirken, die sich stark teilen, werden sie hauptsächlich für die Behandlung von Krebs (Chemotherapie) und auch von bestimmten Autoimmunerkrankungen eingesetzt.
  • Onkologie ist die Wissenschaft, die sich mit Krebs befasst. Im engeren Sinne ist Onkologie der Zweig der Medizin, der sich der Prävention, Diagnostik, Therapie und Nachsorge von malignen Erkrankungen widmet.
  • Chemotherapie ist eine Behandlung von Krankheiten, insbesondere Krebs, unter Einsatz von Chemotherapeutika (Medikamente zur Wachstumshemmung von (Krebs)-Zellen).
  • Ein Tumor ist eine Gewebsschwellung durch abnormales Zellwachstum, die gutartig oder bösartig sein kann. Gutartige (benigne) Tumore sind örtlich begrenzt, während Zellen bösartiger (maligner) Tumore abgesiedelt werden können und in andere Gewebe eindringen können, wo sie Tochtergeschwulste (Metastasen) verursachen.
  • Kolon-Karzinom ist der medizinische Fachbegriff für Darmkrebs.
  • Polyethylen (Abkürzung: PE) ist das Polymer des Ethylens. Es gehört zu den thermoplastischen Kunststoffen.

Besseres Langzeitüberleben

Bei einer Peritonealkarzinose sind im Bauchraum zahlreiche Tumoren zu finden. © Universitätsklinikum Tübingen

Hier fügt Beckert jedoch ein „aber“ hinzu. Denn Erfolge durch die neue Therapie konnten noch durch keine randomisierte kontrollierte Studie bewiesen werden. Der Grund dafür liegt auf der Hand. Da es durch eine andere Therapie keine Chance auf Heilung gibt, wollen Patienten an solch einer Studie schlicht nicht teilnehmen. Denn hier wird per Losverfahren bestimmt, welcher Patient eine HIPEC und welcher Patient eine normale Chemotherapie erhält. „Bei anderen Krebsarten gibt es häufig alternative Behandlungen, aber bei der Peritonealkarzinose gibt es keine Alternative, das heißt, bevor der Patient gar nichts hat, nimmt er natürlich die neue Therapie“, sagt der Oberarzt. Beckert glaubt aber, dass das neue Verfahren eine Verbesserung bringt, denn weltweit würden Ärzte bei der Anwendung ein besseres Langzeitüberleben der Patienten dokumentieren. Aber natürlich hilft die Therapie nicht jedem Patienten. „Unsere Aufgabe als Ärzte ist es auch, diejenigen herauszufinden, bei denen mit hoher Wahrscheinlichkeit keine Besserung durch das Verfahren eintritt, und die Patienten vor der langwierigen und komplikationsträchtigen Behandlung zu schützen“, erklärt der Chirurg.

Denn bei der Operation handelt es sich um einen schwierigen Eingriff, bei dem der Tumor gänzlich entfernt werden muss. Dabei kann es auch sein, dass Teile der inneren Organe wie Leber, Milz und Darm darunter fallen. „Man muss den Patienten darauf hinweisen, dass dies kein Spaziergang ist, denn in 30 Prozent der Fälle können schwere Komplikationen auftreten“, sagt Beckert. Wichtig ist auch zu wissen, dass der Eingriff nur Sinn macht, wenn es keine weiteren Metastasen im Körper gibt. Ferner sind die meisten Patienten schon älter und haben Begleiterkrankungen. Hier muss der Arzt abwägen, in welchem Verhältnis Nutzen und Risiko zueinander stehen. Denn das Ziel einer Behandlung ist nicht nur das Langzeitüberleben, sondern auch eine damit einhergehende bessere Lebensqualität.

Erhöhte Lebensqualität

Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wird subjektiv empfunden und umfasst körperliches, psychisches, soziales und spirituelles Wohlbefinden1. Für häufig auftretende Formen von Krebs, wie zum Beispiel Darmkrebs, werden diese Daten in Studien erfasst. Infolge von Krebs kann die gesundheitsbezogene Lebensqualität eingeschränkt werden. Aber auch hier kann Beckert Positives berichten. So geht als unmittelbare Folge der Operation die Lebensqualität zunächst zurück. Nach etwa einem halben Jahr ist die Lebensqualität jedoch höher. „Das Hauptproblem bei Bauchfellmetastasen und der Peritonealkarzinose liegt darin, dass die Patienten chronische Darmpassage-Probleme haben, das heißt, sie können sich nicht richtig ernähren und haben Probleme mit Darmverschluss“, erklärt Beckert. Ist der Tumor jedoch erst einmal entfernt, kann der Darm wieder normal arbeiten. Ferner gibt es für die Patienten Zeiträume, in denen sie keine Chemotherapie benötigen. Dadurch wird die Lebensqualität enorm gesteigert. Und auch hier liegt die Herausforderung beim Arzt, vor der Operation einschätzen zu können, ob der Eingriff für den Patienten einen Gewinn bedeutet, sowohl onkologisch als auch im Bereich der Lebensqualität.

Um diese Herausforderungen zu meistern, wurde am Universitätsklinikum Tübingen ein Referenzzentrum für Chirurgie der bösartigen Erkrankungen des Peritoneums eingerichtet, das durch die Deutsche Gesellschaft für Allgemein- und Viszeralchirurgie (DGAV) zertifiziert wurde. Hier werden zweimal in der Woche Peritonektomien durchgeführt. Zudem können auch Fortbildungen angeboten werden, damit in Zukunft mehr Ärzte die Peritonektomie mit HIPEC durchführen können. Weitere zertifizierte Zentren gibt es in Berlin, Regensburg, Würzburg, Köln und Herne. Diese stehen auch untereinander in Kontakt. „Für uns ist es sehr wichtig, dass die Patienten zu uns geschickt werden. Dabei spielt der Hausarzt eine große Rolle, denn dieser muss auch wissen, dass es dieses Verfahren gibt“, erklärt Beckert. Denn so kann vielleicht noch mehr Menschen, die an einer Peritonealkarzinose erkrankt sind, geholfen werden.

Literatur:

Löffler, M.W., Schuster, H., Zeck, A. et al. Ann Surg Oncol (2017). doi:10.1245/s10434-017-5790-x

Bericht zum Krebsgeschehen in Deutschland 2016, Robert-Koch-Institut, November 2016

 

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