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Rezension: Die Vielfalt des Lebens, herausgegeben von Erwin Beck

Biodiversität: Was ist das eigentlich und warum braucht die Menschheit sie? Auf diese Fragen bietet das Buch „Die Vielfalt des Lebens“ viele Antworten. Es nimmt den Leser mit auf eine Reise zu den Polarregionen, zu nordatlantischen Korallenriffen und auf die indonesische Insel Sulawesi, aber auch auf die heimische Blumenwiese und Natursteinmauer. In diesem Buch wird deutlich, wie wichtig die biologische Vielfalt für das Wohlbefinden der Menschheit ist und was man auch als Hobbyforscher dafür tun kann.

© WILEY-VCH

Einen Fluss als Dienstleister zu sehen, das mutet zunächst seltsam an. Die Idee dahinter wird jedoch deutlich, wenn man versteht, welche Funktion die Biodiversität in Ökosystemen hat. Das Buch „Die Vielfalt des Lebens“ gibt einen tiefen Einblick in die Wirkungsweise der biologischen Vielfalt der Erde und ermöglicht es dem Leser, die Zusammenhänge besser zu verstehen.

Das im Jahr 2001 durch die Vereinten Nationen initiierte Millennium Ecosystem Assessment (MA), das von Prof. Dr. Wolfgang Weisser in Kapitel 11 aufgeführt wird, stellte vier Dienstleistungsarten auf, die ein Ökosystem, also zum Beispiel ein Binnengewässer, leisten kann:

  • Bereitstellende Leistungen: Produkte, die vom Menschen direkt oder als Rohstoffe genutzt werden. Bei einem Binnengewässer wäre das die Bereitstellung von Wasser für Haushalte, Industrie und Landwirtschaft sowie für Verkehrswege aber auch die Bereitstellung von genetischen Ressourcen
  • Regulierende Dienstleistungen: Vorteile, die sich dadurch ergeben, dass die Ökosysteme Extremereignisse auffangen können. Beim Beispiel eines Flusses handelt es sich dabei unter anderem um dessen Selbstreinigungskapazität.
  • Kulturelle Leistungen: Nicht-materielle Vorteile für den Menschen, also Erholung, Ästhetik sowie kulturelle Identifikation
  • Unterstützende Leistungen: Grundlagen für die Existenz eines Ökosystems und aller von ihm ausgehenden Dienstleistungen. Bei einem Fluss wären das der Nährstoffkreislauf, die CO2-Senke, also die dynamische Speicherung von Kohlenstoffdioxid, sowie der Stickstoffrückhalt.

Artenzahl beeinflusst Nährstoffkreislauf

Flüsse dienen auch als Verkehrswege © H.D.Volz / pixelio.de

Diese Einteilungen in verschiedene Ökosystemdienstleistungen erleichtert es, den Wert eines gut funktionierenden Ökosystems einzuschätzen. Eine Frage bleibt jedoch: Welchen Einfluss hat die biologische Vielfalt in einem Ökosystem auf diese Dienstleistungen.

Antworten darauf können Biodiversitäts-Versuche liefern, wie sie zum Beispiel seit 2002 mit dem sogenannten Jena-Experiment stattfinden. In diesem Experiment wurden in einzelnen Parzellen verschiedene Pflanzengemeinschaften einer Frischwiese angepflanzt. Dabei wurden mehrere tausend Variablen zu den unterschiedlichen Nährstoffkreisläufen gemessen. Es konnte gezeigt werden, dass etwa 40 bis 50 Prozent der getesteten Ökosystemvariablen signifikant von der Anzahl der Pflanzenarten beeinflusst wurden. Damit wird deutlich, dass die Artenzahl eine funktionelle Bedeutung im Ökosystem hat, aber auch, dass nicht jede Variable durch die Artenzahl beeinflusst wird. Hier gilt es nun neue Ansätze für die Forschung zu finden, um die kausalen Zusammenhänge aufzudecken.

Vielfalt erfassen

Der Distelfalter gehört zu den Tagfaltern © luise / pixelio.de

Dieser sehr strukturierte Ansatz zur Vermittlung der Biodiversität bildet einen Teil des Buches „Die Vielfalt des Lebens. Wie hoch, wie komplex, warum?“, das von Erwin Beck, dem Vorsitzenden der Senatskommission für Biodiversitätsforschung der Deutschen Forschungsgemeinschaft, herausgegeben wurde. Die unterschiedlichen Kapitel wurden von renommierten Wissenschaftlern der jeweiligen Fachrichtungen verfasst. Die Kapitel sind zwar in sechs Teilen inhaltlich zusammengefasst, nehmen jedoch nur selten Bezug aufeinander und sind als Beispiele für Biodiversität und der Forschung zu dem Thema zu sehen.

Wie man biologische Vielfalt messen kann und welchen Nutzen sie hat, lässt sich mit Hilfe der zur Verfügung gestellten Dienstleistung erklären, jedoch ist die Vielfalt von Arten nicht nur aufgrund der von ihr erbrachten Leistung zu verstehen. So ermöglicht erst das Sehen und Begreifen und die dann eintretende Faszination von der Natur dem Menschen, seiner Umwelt mit einer gewissen Ehrfurcht gegenüberzutreten und gegebenenfalls den jetzigen Lebensstil zu hinterfragen.

Dies beginnt bei der sogenannten "Citizen Science", also bei Liebhabern, die sich ehrenamtlich der Erfassung von Arten widmen. So wurde im Jahr 2009 das Evolution MegaLab ins Leben gerufen. Ob sich die Schwarzmündige Bänderschnecke an den Klimawandel in Mitteleuropa angepasst hat, wollten die Forscher mit diesem Projekt herausfinden. Die dazu im Jahr 2011 erschienene Veröffentlichung kann bei PLOS one, einem Open Access Journal, heruntergeladen werden (siehe Link oben rechts). Mit 7.600 Datensätzen bekam das Projekt im Jahr 2009 einen ungeheuren Zulauf.

Mittlerweile wurden zahlreiche Projekte zur Erfassung von Tierarten begonnen. Das im Jahr 2005 gestartete Tagfalter-Monitoring Deutschland hat einen Zensus der Schmetterlinge zum Ziel und auch das Landesamt für Umwelt, Messung und Naturschutz Baden-Württemberg hat eine Meldeplattform für heimische Arten, wie den Frauenschuh und die Weinbergschnecke eingerichtet.

Artenreiche Mikroorganismen

Die Weinbergschnecke ist in Baden-Württemberg heimisch. © Hubertus Schott / pixelio.de

Mikroorganismen können von Hobbyforschern schwer erfasst werden. Ihre Vielfalt im marinen Bereich aber auch als sogenannte biologische Krusten, die aus Algen, Cyanobakterien, Flechten, Mikropilzen und Moosen bestehen, ist stark ausgeprägt. Ihre Bedeutung für das Ökosystem der Erde ist hoch und doch sind bis heute nur 9.000 Bakterienarten wissenschaftlich beschrieben. Die Autoren erklären an anschaulichen Beispielen wie dem Wattenmeer, in welchen Nischen Mikroorganismen zu finden sind, und es wird deutlich, wie groß der weiße Fleck auf der Landkarte der Mikroorganismen noch ist.

Wie artenreich der Kronenraum von tropischen Wäldern ist, wird in den weiteren Kapiteln ebenso beschrieben wie das Leben in den extremen Regionen der Polgebiete der Erde. Diese ausführlichen Charakterisierungen  machen sowohl die Stärke als auch die Schwäche des Buches aus. So wird damit zwar ein guter Einblick in die ungewöhnlichsten Lebensgemeinschaften mit hoher Artenvielfalt gegeben, hier kann jedoch der nicht fachliche Leser schnell den Faden verlieren. Trotzdem kann zum Beispiel die Beschreibung der sympatrischen Artbildung am Beispiel der Sonnenstrahlfische auch im Schulunterricht verwendet werden.

Vom Naturschutz zur Politik

Das letzte Kapitel des Buches gibt einen Einblick in den langen Weg der Forschung hin zu politischem Handeln. Dass beispielsweise Wetterextreme aufgrund des Klimawandels zunehmen, konnten die Menschen an deutschen Flüssen in diesem Frühjahr spüren. Von den Überflutungen sind alle in den Regionen lebenden Arten betroffen. Damit betroffene Gebiete wiederbesiedelt werden können, müssen diese zum Beispiel mit Rückzugsgebieten verbunden sein. Solche Zusammenhänge im Bereich der Flächennutzung müssen den Weg in die Politik finden, fordern die Autoren. Die Lektüre dieses Buches würde dabei weiterhelfen und ist daher nicht nur Politikern, sondern auch Schülern, Lehrern und allen, die auch weiterhin auf die Dienstleistungen des Ökosystems zurückgreifen wollen, nur zu empfehlen. 

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