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Wilhelm Kriz: ausgezeichnet für nephrologische Arbeiten

Der Heidelberger Anatom und kommissarische Direktor des Forschungsbereichs Anatomie und Entwicklungsbiologie der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg, Professor Dr. med. Wilhelm Kriz, ist mit dem höchsten Preis, den die Nephrologie zu vergeben hat, dem Homer W. Smith Award, ausgezeichnet worden.

Der Preisträger Prof. Dr. Wilhelm Kriz © UMM

Chronische Nierenerkrankung ist eine der häufigsten Organkrankheiten; man schätzt, dass weltweit über 500 Millionen Menschen, also jeder zehnte Erwachsene, darunter leiden. Hauptursachen in den Industrieländern sind Diabetes mellitus Typ 2 und Bluthochdruck. In den Entwicklungsländern sind es vor allem Infektionen und Entzündungen. Unbehandelt führt die Krankheit mit der Zeit oft zu immer schwerwiegenden Schädigungen der Nieren und folgt dabei einem stereotypen Muster. Es kommt zu einem fortschreitenden Verlust an funktionsfähigen Nephronen, den elementaren Funktionseinheiten der Niere, verbunden mit einer fokal segmentalen Glomerulosklerose (FSGS), einer Vernarbung der Kapillarschlingen in den Nierenkörperchen (Glomeruli) und einer Vermehrung des Bindegewebes zwischen den Tubuli (interstitielle Fibrose) bei gleichzeitiger Atrophie der Tubuli und Kapillaren.

Zu den Mechanismen, die den Verlust von Nephronen bei der FGFS verursachen, gab es verschiedene Hypothesen. Lange Zeit hatte man die sogenannten mesangelialen Zellen für die chronischen Krankheitsprozesse in den Glomeruli verantwortlich gemacht. Der Heidelberger Anatom Professor Dr. Wilhelm Kriz und seine Mitarbeiter konnten jedoch an verschiedenen Modellen zeigen, dass der entscheidende Defekt für die Entwicklung irreversibler und damit chronisch fortschreitender (progressiver) Schäden bis hin zum Nierenversagen in einem Verlust von Podozyten besteht. Podozyten sind Nierenepithelzellen, die mit füßchenartigen Pseudopodien auf der äußeren Oberfläche der Kapillarschlingen in den Glomeruli sitzen und eine wichtige Funktion als Filtrationsbarriere zwischen Blut und Harn erfüllen.

Paradigmenwechsel im Verständnis der Nierenpathologie

Podozyt auf der Basalmembran einer Kapillarschlinge im Nierenglomerulus © Universitätsmedizin Mainz

Mit dem Nachweis, dass den Podozyten bei der Entwicklung des chronischen Nierenversagens eine besondere Bedeutung zukommt, hat Professor Kriz einen Paradigmenwechsel im Verständnis der Nierenpathologie eingeleitet. Am 19. November 2010 wurde er anlässlich des  Kongresses der American Society of Nephrology in Denver, Colorado, für seine herausragenden Forschungen auf dem Gebiet der zellulären Anatomie und molekularen Physiologie der Niere mit dem höchsten Preis, den die internationale Nephrologie zu vergeben hat, dem mit 10.000 US-Dollar dotierten Homer W. Smith Award, geehrt.

Professor Kriz ist Emeritus des Instituts für Anatomie und Zellbiologie der Universität Heidelberg. Dort wurde er 1974 auf den ersten Lehrstuhl für Anatomie berufen, den er über 30 Jahre innehatte. Zuvor war er Assistent, Wissenschaftlicher Rat und Professor an der Universität Münster, nachdem er Medizinstudium, Doktorarbeit und Medizinalpraktikantenzeit in Gießen absolviert hatte. Einen Ruhestand kennt der heute 74-jährige Mediziner auch nach seiner Emeritierung nicht. Seit der Gründung des Zentrums für Biomedizin und Medizintechnik (CBTM) der Medizinischen Fakultät Mannheim im Jahr 2006, an dem ein Forschungsschwerpunkt Vaskuläre Biologie aufgebaut wurde, leitet Kriz dort als kommissarischer Direktor den Forschungsbereich Anatomie und Entwicklungsbiologie. Erst im vergangenen Jahr erschien eine in Fachkreisen viel beachtete Arbeit von Kriz und Mitarbeitern im American Journal of Pathology, die zeigt, dass das Cytokin TGF-β1 in den Nierentubuli Autophagie und Fibrose induziert und so zur chronischen Nierenkrankheit beiträgt; eine Umwandlung von Nierenepithelzellen in Mesenchymzellen findet aber nicht statt. 

Im Verlauf seiner akademischen Karriere leitete Kriz als Sprecher die DFG-Forschungsgruppen „Funktionelle und strukturelle Anpassungen der Niere“ und „Mechanismen der Progression des chronischen Nierenversagens“, das Forschungsprogramm „Grundlagen, Entstehung und Konsequenzen des chronischen Nierenversagens“ der Universität Heidelberg und das Graduiertenkolleg „Experimentelle Nieren- und Kreislaufforschung.“ Er war Dekan der Fakultät für Naturwissenschaftliche Medizin und Mitglied des Verwaltungsrates der Universität Heidelberg, Referent für Anatomie und Mitglied des Heisenberg-Komitees der Deutschen Forschungsgemeinschaft sowie des Kontrollkomitees am Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungen. Für mehrere renommierte Journale der Anatomie und der Nierenphysiologie arbeitet Kriz als Editor. Er ist Mitglied in wissenschaftlichen Fachgesellschaften, unter anderem – neben der American Society of Nephrology (ASN) - auch der Anatomischen und der Nephrologischen Gesellschaft, der International Society of Nephrology und der Renal Pathology Society.

Wissenschaftliche Ehrungen

Mit dem Homer W. Smith Award würdigt die American Society of Nephrology die grundlegenden Arbeiten von Professor Kriz zur Nierenfunktion, insbesondere über die Struktur-Funktions-Beziehungen der Kapillaren und Tubuli im Glomerulus und die physiologischen und pathologischen Veränderungen bei fortschreitender Nierenkrankheit. Besonders hervorgehoben wird, dass Professor Kriz als erster die kritische Rolle der Podozyten bei der Entwicklung eines chronischen Nierenversagens gezeigt hat.

Bereits vor dieser Ehrung durch die führende internationale Gesellschaft auf dem Gebiet der Nierenheilkunde hatte Professor Kriz zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter die Jakob Henle-Medaille der Universität Göttingen, den Bernd-Tersteegen-Preis des Verbandes Deutscher Nierenzentren und die Franz-Volhard-Medaille der Gesellschaft für Nephrologie. Diese erinnert an den „Nestor“ der deutschen Nephrologie, der die besondere Tradition dieses Forschungsgebietes in Mannheim begründete, die Kriz am CBTM der Universitätsmedizin Mannheim fortführt: Professor Dr. Franz Volhard wurde 1908 Direktor an der städtischen Krankenanstalt Mannheim, um hier eine neue Klinik aufzubauen, die er bis 1918 leitete. Seine grundlegenden Arbeiten auf dem Gebiet der Nierenerkrankungen, mit denen er die klinische Nephrologie zu einem eigenständigen Fachgebiet in Deutschland entwickelte, stammen aus seiner Mannheimer Zeit.

Hintergrundinformation:
Homer W. Smith (1895-1962), nach dem der von der ASN vergebene Preis genannt ist, war ein amerikanischer Physiologe, der nach 1928 an der New York University lehrte und forschte und dabei die wegweisenden Konzepte der glomerulären Filtration und der tubulären Absorption und Sekretion von gelösten Substanzen in den Nephronen entwickelt und verfeinert hatte. Seit 1964 wird der Preis jährlich an einen Forscher verliehen, der das Verständnis der zellulären und molekularen Mechanismen und genetischen Ursachen der physiologischen Funktion und Krankheiten der Niere wesentlich vorangebracht hat.

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