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Vision Zero in der Onkologie

Die Forderung nach einem umfassenden Masterplan der Krebsvermeidung und Krebsbekämpfung

Auch wenn eine Welt ohne Krebs angesichts weiter steigender Krebsfälle unrealistisch erscheint, brauchen wir einen gesellschaftlichen Konsens, dass Krebstodesfälle inakzeptabel sind und alles getan werden muss, sie zu vermeiden. Führende Krebsforscher fordern verstärkte Investitionen in Präventionsforschung und in Maßnahmen der Krebsvorsorge und -früherkennung, um der Vision einer nahezu krebsfreien Welt näherzukommen.

Prof. Dr. Christof von Kalle, bis 2018 Geschäftsführender Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg, jetzt BIH Chair für Klinisch-Translationale Wissenschaften an der Charité Berlin © NCT / Philip Benjamin

„Ein Paradigmenwechsel in der Krebsmedizin ist dringend notwendig“, forderte Prof. Dr. Christof von Kalle, „wir brauchen einen gesellschaftlichen Konsens, der es uns erlaubt, an jeder Stellschraube zu drehen und einen Masterplan zur Krebsvermeidung und -bekämpfung zu erarbeiten.“ Von Kalle war Wissenschaftlicher Leiter des 5. Interdisziplinären Symposiums „Innovations in Oncology“, das unter dem Motto „Vision Zero: Die Neuvermessung der Onkologie“ im Juni 2019 in Berlin stattfand. Er hatte in Heidelberg das Nationale Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) mit aufgebaut und über zehn Jahre geleitet; jetzt hat er eine Professur auf Lebenszeit am Berlin Institute of Health (BIH) und der Charité inne und ist Gründungsdirektor des von beiden Institutionen gemeinsam getragenen, umfassenden Klinischen Studienzentrums. Als Vorlage für das geforderte Umdenken dient die in den 1970er Jahren von Schweden ausgehende Initiative „Vision Zero“: dass man die vielen Todesfälle im Straßenverkehr nicht mehr einfach hinnehmen dürfe, sondern alle erdenklichen Schritte unternehmen muss, um sie zu verhindern. Tatsächlich wurde seitdem durch Gurtpflicht, Airbags, verbesserte Autotechnik, Geschwindigkeitsbegrenzungen und viele weitere Maßnahmen die Todesfallrate in Europa (auch in Deutschland) um bis zu 90 Prozent gesenkt – obwohl der Verkehr in den letzten Jahrzehnten um ein Mehrfaches zugenommen hat.

Krebsprävention und -früherkennung

Prof. Dr. Michael Baumann, Wissenschaftlicher Vorstand und Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) Heidelberg, Sprecher des Deutschen Krebskonsortiums (DKTK) und Ko-Vorsitzender des Strategiekreises der Nationalen Dekade gegen Krebs © NCT

Krebserkrankungen dagegen nehmen weiter zu. Weltweit wird sich die Zahl der Krebsneuerkrankungen in den nächsten zwanzig Jahren sogar verdoppeln, wie Prof. Dr. Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), darlegte. In Deutschland wird die Zahl der Krebsneuerkrankungen pro Jahr von gegenwärtig einer halben Million bis 2030 auf etwa 600.000 und auch danach noch weiter ansteigen, verursacht vor allem durch die Alterung der Gesellschaft und eine ungesunde Lebensweise. Während bei 51 Prozent der Männer und 43 Prozent der Frauen in Deutschland im Laufe ihres Lebens Krebs diagnostiziert wird, leben gleichzeitig immer mehr von ihnen immer länger mit ihrer Krebserkrankung. Doch noch immer stirbt jeder vierte Deutsche an Krebs.

Vierzig Prozent aller Krebsfälle ließen sich durch sogenannte Primärprävention wie Änderungen des Lebensstils, Impfungen usw. vermeiden. Nimmt man Programme zur Teilnahme an Krebsfrüherkennung hinzu, durch die viele Krebserkrankungen verhindert oder zumindest in einem besser heilbaren Frühstadium erkannt werden, könnten bis zu 70 Prozent aller Krebstodesfälle verhindert werden.  

Als die bei weitem wichtigsten Krebsrisikofaktoren in unserer Gesellschaft nannte Baumann das Rauchen und starkes Übergewicht. Es ist ein Skandal, dass Deutschland sich als einziges Land in der EU gegen das Verbot der Außenwerbung für Tabak sperrt. Ein weiteres Beispiel für die „mangelnde Präventionsintelligenz“ in Deutschland – wie Dr. Christa Maar, die Präsidentin des Netzwerkes gegen Darmkrebs es bezeichnete – ist die relativ geringe Impfquote gegen humane Papillomviren (HPV), durch die Gebärmutterhalskrebs fast vollständig verhindert werden könnte. Sie beträgt für eine vollständige Impfserie bei Mädchen bis 15 Jahren weniger als 40 Prozent; bei Jungs ist sie verschwindend gering. Weit höhere Quoten ließen sich erzielen, wenn die Impfung in den Schulen durchgeführt würde wie in Australien oder Kanada. „Männer sind die wichtigsten Verbreiter von krebsverursachenden HPV-Infektionen“, sagte Harald zur Hausen, der die bahnbrechenden Grundlagen für die Krebsimpfung entwickelt hatte, „sie profitieren aber auch selbst von der Impfung, denn diese schützt auch vor verschiedenen anderen Krebsarten wie Mund-Rachen-Krebs oder Analkrebs, auf deren Konto in Deutschland jährlich etwa tausend Krebsfälle gehen.“ Damit die Infektionskette durchbrochen wird, müssten aber nach Einschätzung des Nobelpreisträgers etwa 85 Prozent aller Jugendlichen geimpft sein.

Auf der Vision-Zero-Konferenz wurde berichtet, wie man in den Niederlanden ein intelligentes Screening zur Krebsfrüherkennung durchführt: Jährlich werden dort mehrere Millionen Probenröhrchen (praktisch an die gesamte für ein Darmkrebs-Screening infrage kommende Bevölkerung) mit der Post verschickt, mit denen die Probanden Stuhlproben für eine immunologische Bestimmung von okkultem Hämoglobin (verborgenem Blut) selbst zurückschicken können. Der gesamte Prozess – von der Aufklärungskampagne und dem Probenversand bis zur Analyse und ärztlichen Mitteilung der Ergebnisse – ist in einem vollautomatisierten Workflow organisiert. Der Rücklauf unter den Teilnehmern beträgt bis zu 70 Prozent. Nach jahrelanger Diskussion werden nun auch in Deutschland ab 1. Juli 2019 Einladungsschreiben an die 50- bis 65-Jährigen zur Teilnahme an einem Stuhltest verschickt. Doch das Verfahren ist kompliziert, und die offiziellen Aufklärungsmaterialien dazu erwecken den Eindruck, dass Früherkennung kaum einen Nutzen bringt. Dabei haben Früherkennungsprogramme – einschließlich der aufwendigen und sehr zuverlässigen Darmspiegelung (Koloskopie) – dazu beigetragen, dass die Erkrankungsrate an Darmkrebs in den letzten Jahren abgenommen hat. Dennoch ist sie mit jährlich 25.000 Todesfällen immer noch die zweithäufigste Krebstodesursache. Das sind, worauf Christof von Kalle hinwies, etwa ebenso viele, wie 1970 im Straßenverkehr ums Leben gekommen waren, bevor man über Vision-Zero-Programme nachdachte. 

Ein vernachlässigtes Thema ist familiärer Darmkrebs bei jungen Erwachsenen. Wie Christa Maar betonte, ist das Erkrankungsrisiko bereits bei einem Fall von Darmkrebs in der Familie für alle direkten Verwandten mehrfach erhöht, und in der Gruppe der 25- bis 35-Jährigen steigt die Erkrankungsrate um beunruhigende zwei Prozent jährlich. Dennoch gibt es bisher keine Anpassung der Präventionsrichtlinien.

Die Nationale Dekade gegen Krebs

© Netzwerk gegen Darmkrebs e.V.

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung hat 2019 mit der „Nationalen Dekade gegen Krebs“ zu einem breiten Bündnis von Akteuren aus Politik, Gesundheitswesen, Krebsforschung, Forschungsförderung, Wirtschaft und Gesellschaft in der Krebsbekämpfung aufgerufen. Michael Baumann beschreibt als Ko-Vorsitzender des Strategiekreises der Dekade das gemeinsame Ziel, die Krebserkrankungsrate in den nächsten zehn Jahren entgegen dem heutigen Trend um zehn Prozent zu vermindern. Zugleich soll die allgemeine statistische Fünf-Jahres-Überlebensrate der an Krebs Erkrankten von 62 Prozent heute auf 75 Prozent angehoben werden. Erstmals wird der Prävention und Früherkennung eine zentrale Rolle bei der Krebsbekämpfung zugewiesen. Der Fokus liegt dabei auf den „großen“ Krebserkrankungen: Brust-, Darm- und Lungenkrebs. „Paten“ dieses Themenbereichs sind Dr. Christa Maar und Prof. Dr. Hermann Brenner, Leiter der Klinischen Epidemiologie und Alternsforschung am DKFZ, der als führender Experte für die Bewertung von Krebspräventionsmaßnahmen zu den weltweit meistzitierten Krebsforschern gehört. Eines der Ziele ist eine verstärkte Personalisierung der Prävention, beispielsweise durch die Entwicklung wirksamer Methoden der risikoangepassten Krebsfrüherkennung für Menschen mit erhöhtem Krebsrisiko. 

Auch für die anderen großen Themen der Nationalen Dekade – eine verbesserte Diagnose, um die  Heilungschancen zu erhöhen, und eine bessere Versorgung der Krebskranken, einschließlich der Entwicklung wirksamerer Therapien – nimmt die personalisierte Medizin einen immer höheren Stellenwert ein. 

Das alles ist „nicht zum Nulltarif zu haben“, wie von Kalle betont. Ohne zu investieren, kann es keine Innovationen in der Onkologie und keine Verbesserung der Patientenversorgung in einer alternden Bevölkerung geben. Den Klagen über die enormen, auf uns zukommenden finanziellen Belastungen begegnet der Krebsforscher mit ein paar Zahlen: 2017 betrugen die Gesamtausgaben für die deutschen Gesundheitssysteme 376 Milliarden Euro, das sind 11,5 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Den Löwenanteil (58 Prozent) bringen die gesetzlichen Krankenversicherungen auf, doch gerade einmal zehn Prozent dieses Anteils sind Kosten für bösartige Erkrankungen, wovon wiederum nur ein Fünftel auf den Umsatz der immens teuren onkologischen Präparate entfällt. Für Forschungsinvestitionen im Bereich der Krebsprävention gibt unsere Gesellschaft bisher nur eine Milliarde Euro pro Jahr (0,003 Prozent des BIP!) aus. Dabei kann kaum etwas kosteneffektiver sein als Präventionsmaßnahmen, wenn man gegenrechnet, dass das Return-on-Investment ein langes Leben bei guter Gesundheit und Lebensqualität bedeutet. So werden beispielsweise die gesellschaftlichen Kosten eines Verkehrstoten in den USA auf mehrere Millionen beziffert. Seit der Proklamierung von Vision Zero im Straßenverkehr in den 1970er Jahren kommt so ein fast astronomisches Guthaben zustande. Um mit Christof von Kalle zu sprechen: „Die Zeit ist reif für eine Vision Zero in der Onkologie, denn auch hier ließe sich eine drastische Senkung der Todesfälle erreichen“.

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