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Diagnose

Idana: Eine Anamnesesoftware, die die richtigen Fragen stellt

Studien zeigen, dass die Kommunikation zwischen Arzt und Patient sehr wichtig ist, um eine präzise Diagnose zu stellen und die Therapietreue der Patienten zu erhöhen. Leider fehlt den Ärzten häufig die Zeit für ein intensives Gespräch. Mit der Anamnesesoftware Idana könnte sich das in Zukunft jedoch ändern. Dank auf den Patienten zugeschnittener Fragen weiß der Arzt trotz knapper Zeit genau über ihn und sein Anliegen Bescheid.

Der Begriff Anamnese kommt aus dem Griechischen (anámnēsis) und bedeutet Erinnerung. Bei einer Anamnese befragt ein Arzt oder anderes medizinisches Fachpersonal einen Patienten sowohl nach wichtigen medizinischen als auch sozialen Aspekten seines Gesundheitszustands. Bisher gibt es zwei Wege, um die Krankengeschichte des Patienten zu erheben. Entweder der Arzt spricht sofort mit dem Patienten und erfragt im persönlichen Gespräch dessen Beschwerden. Oder der Patient füllt im Vorfeld einen Papierfragebogen aus, der viele Informationen bereits abfragt. Um sich einen Überblick über ihre Patienten zu verschaffen, haben viele Ärzte eigene Fragebögen entwickelt. „Diese sind jedoch nicht standardisiert und selten krankheitsspezifisch“, sagt Dr. Lucas Spohn, Geschäftsführer der Tomes GmbH. "Papier eignet sich nicht für eine umfassende, individuelle Anamnese."

Anamnese auf dem Tablet

Ein beispielhafter Screenshot der Anamnesesoftware Idana. © Tomes GmbH

Um besonders bei komplexeren Erkrankungen ein gutes Gesamtbild des Patienten zu gewinnen, ist ein intensives individuelles Gespräch unerlässlich. Dass für dieses Arzt-Patienten-Gespräch im Klinik- und Praxisalltag oft die Zeit fehlt, kann Lucas Spohn aus eigener Erfahrung berichten. Der Freiburger Mediziner beobachtete während seiner Pflichtpraktika in der Klinik, dass häufig zu wenig Informationen über den einzelnen Patienten vorlagen. „Der Informationsmangel kam einfach dadurch zustande, dass die Zeit vorne und hinten gefehlt hat, um sich ausführlich mit dem Patienten zu unterhalten“, berichtet Spohn. Der damalige Medizinstudent suchte daher nach einer sinnvollen technischen Hilfe, die die Arzt-Patienten-Kommunikation verbessern könnte.

Mit der Gründung der Tomes GmbH im Oktober 2016 hat Lucas Spohn ein erstes Ziel erreicht. Tomes steht für „Tomorrow’s Medical Software“. Über das Unternehmen laufen die Entwicklung und demnächst auch der Vertrieb der Anamnesesoftware „Idana“ (Intelligente Digitale Anamnese). „Die Software stellt in erster Linie ein Werkzeug dar, mit dem Ärzte, auch wenn die Zeit für das Gespräch knapp ist, trotzdem genauestens über ihre Patienten Bescheid wissen“, erklärt Spohn. Idana ist eine Anamnesesoftware, die dem Patienten vor dem Arztgespräch spezifische, auf das Anliegen des Patienten zugeschnittene Fragen stellt. „Die Fragebögen entwickeln wir selber – abhängig von der Fachdisziplin und Erkrankung sowie den Symptomen und auch abhängig von der Art des Besuchs. Ob es sich zum Beispiel um eine Erstvorstellung oder eine Verlaufskontrolle handelt“, erklärt Lucas Spohn, der während seines Medizinstudiums noch einen Bachelor in Embedded Systems Engineering machte.

Mit EXIST-Gründerstipendium die Entwicklung voranbringen

Die Gewinner des Elevator Pitch Baden-Württemberg Regionalcup Freiburg: Dr. Lucas Spohn mit seinem Team © Attribution-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0) CC-Lizenz

Der erste Platz in der Regionalrunde des Elevator Pitch Baden-Württemberg im November 2016 zeigt, dass die Idee großes Potenzial hat. Schon für September 2016 hatte Spohn mit dem Projekt „ITAS-med” (intelligentes Tablet-Anamnese-System) die Zusage für das EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erhalten. Mittlerweile arbeiten Geschäftsführer Spohn, Entwickler Jerome Meinke und die Medizinerin Lilian Rettegi in den Räumlichkeiten der Universität Freiburg. „Wir sind am Lehrstuhl für Versorgungsforschung, in der Sektion Versorgung und Rehabilitationsforschung von Prof. Dr. Erik Farin-Glattacker angesiedelt“, erklärt Spohn.

Nur die relevanten Fragen stellen

Im Gegensatz zu den üblichen Anamnese-Fragebögen ist es der Anspruch von Spohn und seinem Team, dass dem Patienten, noch bevor der Arzt ihn gesehen hat, ein individuell zugeschnittener Fragebogen präsentiert wird. In der Praxis sieht das so aus: Bei Hausärzten soll Idana einen symptomorientierten Fragebogen anbieten. Ziel ist es, dass der Patient die Fragen in 15 bis 30 Minuten im Wartebereich auf einem Tablet ausfüllt. Dabei wird der Patient durch einen Baum durchgeführt und der Fragebogen passt sich den Antworten des Patienten an. Bei Fachärzten kann der medizinische Fachangestellte den entsprechenden Fragebogen aufgrund der Verdachtsdiagnose auf der Überweisung auswählen. „Wir erstellen die Fragebögen anhand evidenzbasierter Leitlinien und in Kooperation mit Fachärzten. Unser Anspruch an die Fragebögen ist, dass sie einem hohen wissenschaftlichen Niveau entsprechen“, erklärt Spohn. Vor dem Anamnesegespräch prüft der Arzt die entscheidenden Fragen und wird durch die Software auf bedenkliche Antworten hingewiesen. Der Vorteil der Tomes GmbH gegenüber anderen Herstellern von Anamnesesoftware ist, dass zwei Mediziner Teil des Teams sind. „Da haben wir einen enormen Vorteil“, erklärt Spohn, „weil wir ein Produkt von Ärzten für Ärzte entwickeln."

Telemedizin für die Verlaufskontrolle

Die Kardiologie ist der erste Fachbereich, für den ein Fragebogenpaket entwickelt wird. „Wir wollen im ersten Quartal 2017 die Software so weit bereit haben, dass wir auch Praxistests durchführen können, um die Software im zweiten Quartal 2017 zu veröffentlichen“, sagt der Mediziner. Zusätzliche Fragebögen für andere Fachrichtungen sollen folgen. Ein weiteres Ziel ist es, eine telemedizinische Anamnese von zu Hause zu ermöglichen. Die Telemedizin bietet hier den Vorteil, dass der Fragenkatalog auch zur Verlaufskontrolle genutzt werden kann. Laut Spohn können so auch Arztbesuche eingespart werden, was insbesondere in ländlichen Regionen von Bedeutung ist. Denn dort sind häufig kaum Fachärzte angesiedelt und die Anreise dauert entsprechend lange. Zudem soll die Software innerhalb von klinischen Studien gemeinsam mit der Uniklinik Freiburg evaluiert werden. Mit Professor Erik Farin-Glattacker soll von der wissenschaftlichen Seite geprüft werden, welchen Einfluss eine digitale Anamnese auf die Prozesse nimmt.

Für die Zukunft hat sich das Unternehmen auch eine Cloud-Anbindung für das System vorgenommen. „Das ist in Deutschland noch ein sehr heikles Thema“, sagt Spohn, „aber international sieht die Meinung anders aus“. Für den Arzt ergibt sich der Vorteil, dass der Betrieb der Software in der Cloud unabhängig von seiner eigenen Hardware ist, Installations- und Wartungsaufwand wären gering. Der Datenschutz wäre technisch realisierbar. „Das Datenschutz-Modell muss korrekt implementiert werden, sodass es für alle Seiten eine maximale Sicherheit garantiert“, so Spohn.

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