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Die Digitalisierung im Gesundheitswesen in Baden-Württemberg

Im Sommer 2017 stellte die baden-württembergische Landesregierung mit „digital@bw“ die erste landesweite und ressortübergreifende Digitalisierungsstrategie vor. Mithilfe dieser digitalen Agenda will das Land die Chancen der Digitalisierung nutzen und den digitalen Wandel aktiv mitgestalten. Baden-Württemberg soll zur digitalen Leitregion Europas werden. Koordiniert und gebündelt werden die Digitalisierungsaktivitäten des Landes im Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration.

Porträtfoto von Baden-Württembergs stellvertretendem Ministerpräsidenten und Digitalisierungsminister Thomas Strobl
Thomas Strobl, stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg © Laurence Chaperon

Auch im Gesundheitswesen ist der digitale Wandel bereits deutlich spürbar – immer häufiger finden telemedizinische Anwendungen ihren Weg in medizinische Versorgungsstrukturen und eine elektronische Patientenakte soll bis 2021 den gesetzlich Versicherten zur Verfügung stehen. Welche Chancen die Digitalisierung im Gesundheitswesen mit sich bringt und vor welche Herausforderungen sie die beteiligten Akteure stellt, erklärt Baden-Württembergs stellvertretender Ministerpräsident und Digitalisierungsminister Thomas Strobl im Interview mit Sarah Triller von der BIOPRO Baden-Württemberg GmbH.

Herr Strobl, als Minister für Inneres, Digitalisierung und Migration waren Sie an der Digitalisierungsstrategie digital@bw maßgeblich beteiligt – welche konkreten Maßnahmen haben sich bereits aus der Digitalisierungsstrategie für den Bereich Gesundheit ergeben?

Die Digitalisierung verändert die Welt, sie erfasst alle Lebensbereiche und ändert sie in gewaltigem Tempo. Als Land wollen wir beim digitalen Wandel nicht nur mithalten, sondern selbst mitgestalten. Daher haben wir die Digitalisierung zu einem Schwerpunkt unserer Regierungsarbeit gemacht und eine Investitionsoffensive gestartet: Alleine bis 2021 nehmen wir eine Milliarde Euro in die Hand – Geld, das auch in die Digitalisierung des Gesundheitsbereichs fließt, einem von sechs Schwerpunktthemen unserer Digitalisierungsstrategie digital@bw. Ein besonderer Fokus liegt für uns in diesem Bereich auf der guten Versorgung des ländlichen Raums und der Weiterentwicklung der personalisierten Medizin. Immer gilt: Die Digitalisierung muss den Menschen dienen. Mit 21 Projekten fördern wir pionierhaft ganz konkret vielversprechende digitale Gesundheitsanwendungen und investieren dafür bis Ende 2019 rund 26 Millionen Euro. Wir setzen dabei auf innovative Partnerschaften von Verwaltung, Unternehmen und Forschungsinstitutionen.

Welche Chancen bietet eine Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Bild mit einem Tablet, auf dem ein EKG zu sehen ist, und einem Stethoskop
Digitale Anwendungen finden immer häufiger ihren Weg in das Gesundheitswesen. Dabei gilt es die Gesundheitsdaten zu schützen, damit die Menschen in die Sicherheit ihrer Daten vertrauen können. © Stepan Kapl / Fotolia

Die Digitalisierung bietet heute Möglichkeiten, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen sind – sei es in der Diagnose und Therapie von Krankheiten, bei der Prävention oder in der Krankenversorgung und Pflege. Die Gesundheitsbranche erfährt durch die Digitalisierung einen enormen Schub, zum Beispiel in der personalisierten Medizin. Hier werden jetzt zunehmend maßgeschneiderte Therapien für Patienten möglich. Voraussetzung dafür sind freilich die Speicherung und zeitnahe Auswertung großer, dafür notwendiger Datenmengen. Noch vor wenigen Jahren war das nicht möglich. Doch die rasante Entwicklung eröffnet hier nun neue Wege – und die wollen wir auch nutzen. Das ist eine große Errungenschaft – möglich durch den digitalen Wandel.

Durch digitale Gesundheitsanwendungen ergeben sich aber noch weitere Chancen, gerade auch im ländlichen Raum. Der direkte Kontakt zwischen Arzt und Patient ist elementarer Bestandteil der gesundheitlichen Regelversorgung – und das soll auch so bleiben. Digitale Gesundheitsanwendungen können hier eine sinnvolle Ergänzung sein und lange Wege ersparen. Ganz nach dem Motto: Zum Arzt gehen, ohne hinzugehen. Daher fördert die Landesregierung auch Telemedizinprojekte zur Verbesserung ambulanter und stationärer Versorgung.

Kann man das auch schon konkret nutzen?

Ja. Mit dem Projekt „docdirekt“ etwa wird eine schnelle und unkomplizierte telemedizinische Fernberatung beim Haus- und Kinderarzt sichergestellt. Nach einer Pilotphase können bereits heute alle gesetzlich Versicherten dieses Angebot kostenlos nutzen. Bei „TelePracMan“ werden Patienten mit mehreren chronischen Erkrankungen durch eine App unterstützt. Sie zeichnet beispielsweise Symptome in einem digitalen Tagebuch auf und protokolliert Vitalwerte. So manchen Weg zum Arzt können sich die Betroffenen dadurch sparen.

Eine Herausforderung im Bereich der Digitalisierung ist es, bestehende „Insellösungen“ zusammenzubringen und zu vernetzen – welche Herausforderungen sind im Zuge einer Digitalisierung im Gesundheitswesen noch zu bewältigen und wie sehen mögliche Lösungsansätze aus?

Das größte Potenzial der Digitalisierung steckt in der Vernetzung der Gesundheitspartner. Das trifft wie bereits geschildert auf Ärzte und ihre Patienten zu, die dank Telemedizin einen direkten Draht zueinander haben. Aber auch die Vernetzung von Ärzten und medizinischen Einrichtungen untereinander bringt viele Vorteile – die wir trotz großer Herausforderungen nutzen und weiter ausbauen wollen. Wir wollen Wege verkürzen und Zeit sparen. Zum Beispiel wurde eine Teleintensivmedizin-Plattform aufgebaut, um die flächendeckende intensivmedizinische Versorgung von Patientinnen und Patienten mit komplexen Krankheitsbildern zu sichern. Einrichtungen der Grund- und Regelversorgung werden dabei mit Krankenhäusern vernetzt, die in diesem Bereich über besondere Expertise verfügen. In den Zentren für Personalisierte Medizin, deren Aufbau wir seit Ende 2017 fördern, werden klinische Daten ausgetauscht und das gesammelte Wissen genutzt, um die bestmöglichen Therapien für die Patienten zu finden, die nicht auf herkömmliche Therapien ansprechen.

Gesundheitsdaten sind sensible Daten, die es zu schützen gilt – Cybersicherheit ist nicht nur eine Frage des Datenschutzes, sondern ist eng mit einer Akzeptanz und Nutzung digitaler Anwendungen verbunden. Wie kann ein ausreichender Schutz der Daten gewährleistet werden?

Gerade wenn es um so sensible Bereiche wie die Gesundheit geht, sind viele Menschen verunsichert und zurückhaltend. Das hängt eng mit dem Schutz der persönlichen Daten zusammen. Ein Gütesiegel von Gesundheitsanwendungen aus Baden-Württemberg muss deshalb die Datensicherheit sein. Nur wenn die Menschen in die Sicherheit der Daten und Anwendungen vertrauen können, werden wir das volle Potenzial der Digitalisierung ausschöpfen können. Und das gilt keinesfalls nur für den Gesundheitsbereich. Daher ist mir Cybersicherheit ein besonderes Anliegen. Da trifft der Digitalisierungsminister auf den Innenminister, der ich ja auch bin.

Wir müssen uns gegen die wachsende Zahl von Cyberangriffen auf Behörden, Krankenhäuser, Arztpraxen oder Unternehmen bis hin zu Angriffen auf kritische Infrastruktureinrichtungen wappnen. Cybersicherheit ist daher ein wesentlicher Bestandteil unserer Digitalisierungsstrategie. Wir wollen auch bei der Cybersicherheit Vorreiter und Taktgeber sein. Das Ziel: eine ganzheitliche Cybersicherheitsstrategie für das Land – mit einer modernen Cybersicherheitsarchitektur, die den künftigen Herausforderungen, vor denen wir stehen, auch gerecht wird.

Wo steht Baden-Württemberg in Bezug auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen im nationalen und internationalen Vergleich und welches Ziel steht hinter der Digitalisierungsstrategie?

Im Gesundheitsbereich brauchen wir uns auf internationaler Bühne nicht zu verstecken. Wir haben eines der besten Gesundheitssysteme. Ein Beispiel ist etwa Tuttlingen – das Weltzentrum für Medizintechnik. In rund 400 Medizintechnikunternehmen arbeiten 12.000 Beschäftigte in Europas größtem Medizintechnikcluster an innovativen chirurgischen Instrumenten und modernsten Implantat-Technologien. Daher waren wir auch erst im Juli mit unserem digital@bw Gesundheitsfestival in Tuttlingen zu Gast. Oder nehmen Sie den Bereich der künstlichen Intelligenz, die personalisierte Medizin und damit die Entwicklung maßgeschneiderter Therapien ermöglicht. Hier haben wir mit dem Cyber Valley in Tübingen einen echten internationalen Leuchtturm vorzuweisen.

Aber selbst ein starkes Land wie Baden-Württemberg wird im internationalen Vergleich nicht alleine bestehen können. Deshalb arbeiten wir bei der Digitalisierung ganz konkret daran, uns mit unseren europäischen Partnern wie Frankreich eng zu vernetzen und Stärken zu bündeln. Wir müssen schauen, dass wir in diesem Zukunftsfeld auch gegenüber Asien und Amerika anschlussfähig bleiben, ja, die Nase vorn haben.

Und als Landesregierung nehmen wir uns der Digitalisierung mit voller Kraft an. Wir haben uns ein klares Ziel gesetzt: Baden-Württemberg soll sich in den kommenden Jahren zur bundes- und europaweiten Leitregion für den digitalen Wandel entwickeln. Die Digitalisierung im Gesundheitswesen spielt dabei in Baden-Württemberg eine sehr wichtige Rolle.

Seiten-Adresse: https://www.gesundheitsindustrie-bw.de/fachbeitrag/aktuell/die-digitalisierung-im-gesundheitswesen-baden-wuerttemberg